Weihnachtssegen 2011 in Bad Aussee: Thema „Tür“

 

Türen und Tore gehören zu unserem Leben. Türen und Tore spielen eine wichtige Rolle auch im kirchlichen Leben – ganz besonders im Advent und zu Weihnachten. Ich lade ein, dass wir heuer beim traditionellen Weihnachtssegen in Bad Aussee ein wenig über die Botschaft und die Symbolik von Türen und Toren nachdenken. Zur Besinnung hören wir nun einleitend einen Text von Bischof Claus Hemmerle, den ich gerne bei Haussegnungen verwende. Es ist ein adventlicher Text. Bischof Hemmerle hat ihn unter die Überschrift gestellt: "Öffnet die Tore dem Erlöser!"

 

Bischof Claus Hemmerle sagt:

 

„Ich wünsche uns allen vier Schlüssel:

 

Einen Schlüssel für die Hintertür -

der Herr kommt,

wo und wann wir's nicht vermuten.

Er kommt in denen,

die sich nicht ans große Tor getrauen.

 

Einen Schlüssel für die Tür nach innen -

der Herr ist inwendiger als unser Innerstes.

Von dort betritt Er das Haus unseres Lebens.

 

Einen Schlüssel für die Verbindungstür,

die zutapezierte, zugemauerte nach nebenan -

im Allernächsten, welcher der Allerfremdeste ist,

klopft der Herr bei uns an.

 

Einen Schlüssel für die Haustür, für das Portal -

dort hat man Jesus mit Maria und Josef

abgewiesen.

Wir wollen uns nicht genieren, ihn öffentlich

einzulassen in unser Leben, in unsere Welt.

 

Werden wir sein Bethlehem heute sein?“

 

 

 

 

 

Ansprache:

Zum Thema Tür“ kommen einem besonders viele Gedanken. Predigen heißt immer auswählen, sich auf ein paar Gedanken konzentrieren. Das ist auch heute wieder notwendig. In aller gebotenen Kürze möchte ich das Thema „Tür“ von drei Seiten her mit dem Licht der Weihnacht beleuchten:

1.

Weihnachten macht uns die beiden Tore des Lebens bewusst: die Geburt und den Tod, das Geboren-Werden und das Sterben-Müssen. Einem Kind das Leben schenken, das bedeutet bekanntlich auch, diesem Kind den Tod zumuten. Leben und Tod gehören einfach zusammen. Leben und Tod sind nicht zu trennen. Krippe und Kreuz, Wiege und Sarg, sind aus demselben Holz geschnitzt. Darum sprechen wir ja auch davon, dass der Mensch unterwegs ist von Holz zu Holz. Und alle, die so wie ich aus einer größeren Familie stammen, können es aus ihrer Erfahrung bezeugen: Immer wieder gibt es das, dass auf der einen Seite jemand geboren wird und auf der anderen Seite jemand stirbt. In unserer Familie z. B. war der hl. Abend immer vom Leben bestimmt: Meine Mutter hieß ja Eva, d. h. übersetzt Leben. Und sie hatte am hl. Abend Namenstag und Geburtstag. Später ist der hl. Abend dann auch der Begräbnistag für ihren Mann geworden, für unseren Vater. Weihnachten macht uns bewusst, wie nahe beieinander die beiden Tore des Lebens sind, Geburt und Tod, das Tor zum irdischen Leben und das Tor zum ewigen Leben.

2.

Weihnachten sagt uns mit einem Sprichwort gesprochen: „Gottes Haustür steht immer offen!“

Im Advent singen und bitten wir: „O Heiland, reiß die Himmel auf!“  Oder auch: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit!“

Zur Weihnacht bekennen wir fröhlich und mit großer Freude: „Es hat sich heut eröffnet, das himmlische Tor…“ Oder auch: „Lobt Gott, ihr Christen alle gleich…, der heut schließt auf sein Himmelreich!“

Weihnachten ist ein Glücksfall, Gott sei Dank! Gott selbst hat Türen und Tore geöffnet, der Vater genauso wie der Sohn. Und erst recht der Hl. Geist! Der Geist ist ja immer für Überraschungen gut. Er ist der große Tür- und Fensteröffner ob gelegen oder nicht! Denken wir nur an das 2. Vatikanische Konzil, zu dem der bereits greise Papst Johannes XXIII. am Christtag vor genau 50 Jahren zur Überraschung vieler eingeladen hat…  Gott sei Dank für die offenen Türen und Fenster!

Was aber Gott so wunderbar geöffnet hat, das darf der Mensch nicht schließen, das soll v. a. die Kirche nicht schließen. Von unserer Diözese ist zum Beginn des neuen Kirchenjahres wieder eine wunderschöne Info-Broschüre erschienen: „Seelsorge als Gastfreundschaft“ ist ihr Titel. Sie wirbt für eine offene Kirche und dankt den vielen Ehrenamtlichen für ihr Beispiel. Das EU-Jahr der Ehrenamtlichkeit vergeht, das Ehrenamt aber besteht. Es ist eine Tatsache und die Betroffenen bestätigen es selbst immer wieder: Ehrenamtliche leben glücklicher. Und Ehrenamtliche sind es, die Türen offen halten, die sonst wohl schon längst geschlossen wären – das ist in der Gesellschaft so und das ist in der Kirche nicht anders. Vieles im Staat und in der Kirche könnte ohne die Freiwilligen nicht sein. Der Staat und die Kirche leben also von Dingen, die sich selbst nicht geben können. Gott und den Ehrenamtlichen sei Dank, dass so Türen offen bleiben, die sonst längst schon geschlossen wären.

3.

Ein dritter Gedanken noch: Weihnachten stellt freilich immer auch die nicht nur angenehme Frage nach den Menschen „draußen vor der Tür“. Biblisch ist es die Frage Jesu nach dem armen Lazarus draußen vor der Tür des reichen Prassers.

„Eine Tür kreischt und schlägt zu“ – siebenmal findet sich diese Bemerkung im Hörspiel von Wolfgang Borchert, das er vor 65 Jahren geschrieben hat.

Fünfmal spricht der Heimkehrer Bleckmann von seinem Elternhaus, von „unserer Tür“ als Inbegriff seiner Hoffnung auf Heimkehr, auf Daheimsein-Dürfen.

Doch niemand öffnet, auch die Tür zu seinem Elternhaus „kreischt und schlägt zu“. Der Heimkehrer Bleckmann bleibt im wahrsten Sinn des Wortes im Regen stehen, er bleibt im Dunkeln der Nacht, auf der Straße, draußen vor der Tür.

Heute hat dieser Heimkehrer Bleckmann vielleicht das Gesicht von Straßenkinder, das Gesicht eines Drogenabhängigen oder Alkoholikers,

eines Kranken oder Behinderten. Vielleicht ist er an Alzheimer erkrankt und lebt nun wie der Vater von Arno Geiger als „alter König in seinem Exil“.

Weihnachten stellt uns auch die Frage: „Ist da jemand?“ Ist da nicht jemand draußen vor der Tür, vor der Tür unserer Herzen, vor der Tür unserer Häuser und Wohnungen?

Machen wir die Türen auf, damit es Weihnachten wird, ein Fest der offenen Türen, ein Fest auch draußen vor der Tür! Amen.