Weihnachtspredigt 2011

„Mach’s wie Gott – werde Mensch!“ – Was zunächst etwas oberflächlich klingt, das ist doch hintergründig und eine gültige Zusammenfassung der Weihnachtsbotschaft. Mach’s wie Gott – werde Mensch! Zeig dich als Gottes Ebenbild! Mensch, verkauf dich nicht unter deiner Würde! Um deinetwegen ist der Sohn Gottes Mensch geworden! Hast du eigentlich kapiert, was das bedeutet? Wie groß, wie schön muss doch Gott von dir und von jedem Menschen denken, dass er einer von uns geworden ist, dass er Mensch geworden! Was aber bedeutet diese Menschwerdung? Was bedeutet die Menschwerdung des Sohnes Gottes – für ihn, für uns, für alle Menschen?

Dazu wäre wieder einmal ganz viel zu sagen, denn unschlagbar schön ist der christliche Glaube, ist die Botschaft der hl. Weihnacht! Predigen heißt aber immer auswählen, sich konzentrieren auf ein paar Gedanken. So beschränke ich mich heute auf drei Gedanken über den Menschen, über das Menschsein. Ich lade ein, dass wir auf den Menschen schauen ganz am Anfang, nachdem er das Licht der Welt erblickt hat. In einem der Weihnachts-Evangelien heißt es: Das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden! Das Kind als Zeichen, das Neugeborene als Botschaft. Was können wir da lernen über die Menschwerdung des Sohnes Gottes? Was können wir da lernen für unser Menschwerden, für unser Personwerden?

1. Das Erste ist der Hinweis auf die allererste Wahrheit über uns Menschen – das ist der Schrei des Neugeborenen: Mit einem Schrei erblickt der Mensch das Licht der Welt. Geborenwerden, abgenabelt werden von der Mutter, das ist echt zum Schreien. Und doch sind alle glücklich, wenn es laut und deutlich diesen ersten Schrei des Neugeborenen gibt. Der Schrei – eine erste Wahrheit über uns Menschen und über unser Leben. Der Schrei ist ein Symbol dafür, dass es kein Leben ohne Leiden gibt. Leben und Leiden gehören zusammen, Geboren werden und Sterben müssen. Wer in einer großen Familie aufgewachsen ist, kennt das – ein Mensch stirbt, ein anderer wird geboren. „Einem Kind das Leben schenken, d. h. auch diesem Kind den Tod zumuten“(C. Gartner). In der Theologie sagt man deswegen „Krippe und Kreuz sind aus demselben Holz geschnitzt!“ Auf den Weihnachtsdarstellungen der großen alten Meister erkennt man meist irgendwo im Hintergrund bereits das Kreuz. Oder wir sehen das Christkind bereits mit seinem besonderen Nimbus, mit dem Heiligenschein, in den das Kreuz oft schon blutrot eingezeichnet ist. Ja, auch Ochs und Esel weisen darauf hin, was diesem Kind einmal blühen wird. Der Schrei des Neugeborenen, der Schrei des Kindes – eine erste Wahrheit über den Menschen, über das menschliche Leben und Schicksal.

2. Ein zweites Markenzeichen des Menschen ist der aufrechte Gang: Vor allem die Griechen haben betont, dass der aufrechte Gang das Geschöpf Mensch von den anderen Geschöpfen unterscheidet. Anthropos, das griechische Wort für den Menschen, heißt ja „der aufrecht Gehende“, „der zum aufrechten Gang Ermächtigte“. Der aufrechte Gang – das ist freilich ein Dauerauftrag für jeden Menschen, das ist eine echte Lebensaufgabe. Für Kinder ist es mühsam und es dauert schon so seine Zeit, bis sie zum aufrechten Gang fähig sind. X-mal fallen sie hin, brauchen Ermutigung, brauchen Hände, die stützen und auffangen. Mühsam ist es aber genauso für die Erwachsenen, aufrecht zu bleiben, sich nicht brechen zu lassen, sich nicht beugen oder verbiegen zu lassen. Mit Stolz und Dankbarkeit hat am Freitag das tschechische Volk und Europa Abschied genommen von V. Havel. Havel hat in Wort und Tat gezeigt, was mit dem aufrechten Gang gemeint ist, welche Konsequenzen es hat, in der Wahrheit leben zu wollen und nicht in der Lüge – als Schriftsteller, als Oppositioneller, als Unterzeichner der Charta 77, als Gefangener und schließlich auch für 13 Jahre als Präsident. Der aufrechte Gang – ein zweites Zeichen für den Menschen und alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

3. Ein drittes Zeichen und Charakteristikum für den Menschen ist das Wort, ist die menschliche Sprache: Dass wir sprechen können ist alles andere als selbstverständlich. Das Kind kann zunächst einmal nur hören, auf den Klang der Stimme seiner Eltern, Geschwister, Großeltern. Erst durch langes Hören lernt es reden, selbst zu sprechen. Die Angehörigen warten ja immer gespannt, wann es denn das erste deutlich verstehbare Wort des Neugeborenen gibt. Diakon Karl Winkler und seine Frau mussten ganze zwei Jahre warten, bis der Erstgeborene das erste Wort gesprochen hat. Inzwischen hat Christoph längst schon sein Universitätsstudium hinter sich. Sein erstes lange ersehntes Wort war dann nach zwei Jahren ein klares und deutliches „Nein!“. Das Wort, die Sprache ist auf jeden Fall ein Lebensmittel für den Menschen, ein Überlebens-Mittel. Viele Extremsportler, aber auch Menschen in Gefangenschaft sagen es immer wieder: „Ich habe diese Situation nur gemeistert, weil ich ein Wort gehabt habe, ein Motto, das mir Kraft gegeben hat, das so wichtig war wie Wasser, so wichtig wie Brot.“

Zwei Stimmen lautet das jüngste Buch von Ingeborg Horn. Sie lebt seit gut 30 Jahren auch immer wieder oben am „Sattel“ und ist doch nur wenigen Leuten in Aussee bekannt. In dieser leisen Liebesgeschichte auf höchstem literarischen Niveau steht der Satz: „Der Tod der Sprache ist der Tod von allem.“ So ist es. Wenn der Mensch nichts mehr zu sagen hat, stirbt alles, dann geht er selber zugrunde. Der Mensch ist das Wesen der Sprache! Und das Wort ist sein Lebens- und Überlebensmittel. Weihnachten ist daher auch ein Fest des Wortes und der Sprache. „Das Wort ist Fleisch geworden“ für uns - und durch uns soll das Wort immer wieder Fleisch werden, soll Hand und Fuß bekommen, einen Namen und ein ganz konkre-tes Gesicht! So geschah Menschwerdung damals, so geschieht Mensch-werden heute – durch das Wort. Auch wenn es mühsam ist mit der Sprache und dem Wort. Der Mensch, jeder Mensch ist diese Mühe wert. Amen.