Predigt am 1. Advent-Sonntag 2011 im Lesejahr B
Wie
fast immer gibt es in der heutigen Predigt drei Gedankenanstöße – einen zur
Lesung, einen zum Evangelium und einen zum Advent.
1.
Ich
beginne mit dem Gedanken zum Advent, zu unserem Gang durch den Advent 2011:
Wenn
man geht, wenn man aufbricht, dann ist für mich der Blick auf das Ziel des
Weges wichtig – dass ich weiß, warum ich gehe, warum ich aufbreche, warum
ich die Strapazen dieses Weges auf mich nehme.
Der
Advent ist also ein Weg, sein Ziel ist Weihnachten, die Menschwerdung. Ich halte
wenig von der Devise: „Der Weg ist das Ziel!“ Für mich gilt vielmehr: „Vom Ziel
her entwirft sich der Weg!“ Nur vom Ziel her, von Weihnachten, von der
Menschwerdung her, hat der Advent also seinen Sinn.
Das
Ziel dieser Vorbereitungszeit ist Weihnachten ist
Menschwerdung, ist
Mensch werden! Dieses Ziel ist einerseits ein Hauptwort –
„Menschwerdung“, andererseits ein
Zeitwort „Mensch werden“, ein
Tätigkeitswort. Die Menschwerdung Jesu
Christi und unser Mensch werden – das gehört einfach zusammen, das ist
und bleibt ein Dauerauftrag nicht nur zur Weihnacht.
Menschwerdung soll also im wahrsten
Sinn des Wortes das Hauptwort
dieser Zeit sein, Mensch werden
dagegen sollte das bestimmende
Zeitwort für den Advent sein. Wir sollen etwas tun, wir sollen aktiv
werden für unser Menschsein und für das Menschsein der anderen, besonders jener
in Not. Alle Menschen sollen ja zu ihren Rechten kommen, die Würde jedes
einzelnen Menschen möge geachtet werden und wir sollen dafür unseren Beitrag
leisten. Mit dem jetzt schon 95jährigen Stéphane Hessel gesprochen:
„Engagiert euch!“
Mir
persönlich gefällt sehr gut der griechische Ausdruck für den Menschen –
anthropos, d. h. der aufrecht
Gehende, der zum aufrechten Gang Ermächtigte.
Damit
das allen Menschen möglich ist, dazu sollen wir etwas beitragen. Adventlich
leben heißt damit: Selbst ein Stück mehr Mensch werden und anderen helfen, damit
auch sie den Mut zum aufrechten Gang haben, damit sie nicht länger buckeln
müssen oder unterdrückt werden…
„Bedenke,
Mensch, wer du bist! Werde, was du bist!“
- Dazu kurz eine Erinnerung an die
unschlagbar schöne Botschaft des christlichen Glaubens über den Menschen:
So sehr hat Gott den Menschen lieb, dass er Mensch wird. Für Gott sind wir
so wichtig, dass er aus Liebe zu uns einer von uns wird. Trotz der 7 Milliarden
Menschen – er kennt jeden mit Namen, er hält uns alle in seinen guten Händen,
wir sind alle Kinder Gottes, seine Töchter und Söhne. Wir sind sein Ebenbild.
Ein Spiegel Gottes, eine Ikone Gottes ist jeder einzelne Mensch. Das dürfen wir
nicht vergessen. Das sollen wir allen weitersagen:
Mensch, werde, der/die du bist!
Machen wir also in diesem Advent, in diesem neuen Kirchenjahr
die Menschwerdung und das Mensch werden
zu unserem Programm!
2.
Der
zweite Gedanke bezieht sich auf das Evangelium mit dem Thema
„Wachsamkeit“:
Seid also
wachsam – sagt Christus im
Evangelium. Seid wie die Türhüter, denen ein wichtiger Dienst anvertraut worden
– der Wachdienst, die Aufgabe, wach zu bleiben, hellwach zu sein, achtsam und
aufmerksam zu bleiben.
Das
Zeichen für Wachsamkeit/Aufmerksamkeit ist für mich, wenn ein Mensch
die Gegenwart ernst nimmt,
wenn für ihn der gegenwärtige Augenblick heilig ist: Der Mensch, mit dem ich
gerade jetzt zusammen bin, ist wichtig und heilig. Das, was ich gerade jetzt
tue, ist wichtig und heilig.
Am
vergangenen Sonntag hat es in einer Kommunionmeditation geheißen:
Jetzt ist
der Tag, jetzt ist die Stunde, heute wird getan oder auch vertan, worauf es
ankommt, wenn ER kommt.
Das
Wachsein für die Gegenwart, hellhörig und aufmerksam sein, kommt in einem
Text von Andrea Köck sehr schön zum Ausdruck:
Um den
Wert eines Jahres zu verstehen, frage einen Schüler, der gerade das Schuljahr
nicht bestanden hat.
Um den
Wert eines Monats zu verstehen, frage eine Mutter, deren Kind zu früh zur Welt
kam.
Um den
Wert einer Stunde zu verstehen, frage Liebende, die auf einander warten.
Um den
Wert einer Minute zu verstehen, frage jemanden, der gerade seinen Zug versäumt
hat.
Um den
Wert einer Sekunde zu verstehen, frage jemanden, der gerade einem Unfall
entgangen ist.
Um den
Wert einer Hundertstelsekunde zu verstehen, frage denjenigen, der die
Silbermedaille bei der Olympiade gewonnen hat.
Schätze
(also) jeden Augenblick, den du hast!
Und
vergiss nicht, dass die Zeit auf niemanden wartet. GESTERN ist Geschichte,
MORGEN ein Geheimnis. Das HEUTE ist ein Geschenk.
Für
dieses Heute wünsche ich uns Wachsamkeit, das wir hellwach, hellhörig und
aufmerksam bleiben für „das Sakrament des gegenwärtigen Augenblicks“!
3.
Der
dritte Predigtgedanke bezieht sich auf die wunderbare Jesaja-Lesung, die wir
heute gehört haben. Ich beziehe mich hier nur noch kurz auf den Schluss der
Lesung: „Wir sind der Ton, und du bist
unser Töpfer, wir alle sind das Werk deiner Hände.“
Wir
sind der gut formbare Ton. Gott aber ist der Töpfer. Wir alle sind und bleiben
in seinen Händen. Wir alle sind das Werk seiner Hände. Den Geist dieser Lesung
finden wir sehr schön im sog. Gebet
der Töpfer von Taizé:
Taizé, diese 1949 von Fr. Roger Schutz bewusst ökumenisch begründete
Ordensgemeinschaft, lebt von der Arbeit ihrer Hände. Sie nimmt keine Spenden und
keine Erbschaften an. Ganz wesentlich leben sie von der Arbeit in ihren beiden
Töpfereien. Ora et labora – Gebet und
Arbeit bilden einen Einklang im Leben der Mönche. So haben die Töpfer für
ihre Arbeit auch ein eigenes Gebet, das ich nun an den Schluss der Predigt
stellen und uns ans Herz legen möchte. Bei diesem Gebet habe ich ein Bild vor
Augen – zwei Hände, aus Ton geformt, zwei Hände, die eine Schale aus Ton bilden:
Herr,
mache
mich zu einer Schale,
offen zum
Nehmen,
offen zum
Geben,
offen zum
Beschenkt werden,
offen zum
Bestohlen werden.
Herr,
mache
mich zu einer Schale für Dich,
aus der
Du etwas nimmst,
in die Du
etwas hineinlegen kannst.
Wirst du
bei mir etwas finden,
was Du
nehmen könntest?
Bin ich
wertvoll genug,
sodass Du
in mich etwas hineinlegen wirst?
Herr,
mache
mich zu einer Schale für meine Mitmenschen,
offen für
die Liebe,
für das
Schöne,
das sie
verschenken wollen,
offen für
ihre Sorgen und Nöte,
offen für
ihre traurigen Augen
und
ängstlichen Blicke,
die von
mir etwas fordern.
Herr,
mache mich zu einer Schale.
So
möge es sein. Amen.