Ansprache am Friedhof zu Allerheiligen 2011:

 

Der Friedhof ist ein ganz besonderer Ort! Auch wenn sich in der Bestattungskultur zurzeit sehr viel tut und verändert – der Friedhof, der sog. „Gottesacker“, hat schon seine besondere Qualität!

Nicht von ungefähr gilt er als Visitenkarte für den Ort. Nicht von ungefähr sagt man: Wenn du wissen willst, welche Menschen an einem Ort leben, dann musst du nur auf ihren Friedhof gehen!

 

In meiner heurigen Ansprache möchte ich drei Dinge benennen, die für mich das Besondere dieses Ortes ausmachen:

 

Erstens: Der Friedhof ist ein besonderer Ort der Begegnung!

Der alte Name für den Friedhof – Gottesacker – drückt geglückt aus, dass hier eine besondere Stätte dafür ist, Gott zu begegnen, ihn zu suchen und zu finden, ihn mit unseren Fragen und Zweifeln zu konfrontieren, aber auch mit unserer Hoffnung und Dankbarkeit.

 

Hier begegnen sich die Menschen aus allen Schichten unserer Gesellschaft. Hier begegnen sich die verschiedenen Generationen. Hier begegnen sich Gläubige, Agnostiker und Atheisten. Der Tod verbindet und er ist nun einmal die radikalste aller Demokratien! Das gilt es auch auszuhalten. Denken wir nur daran, wie nahe beieinander hier die sterblichen Überreste von Menschen sind, die oft so verschiedenen waren, wie man nur irgendwie verschieden sein kann. Das Mit- und Nebeneinander von ganz verschiedenen Menschen - das ist eine große Herausforderung, eine Nagelprobe für echte Toleranz!

 

Hier und auf allen Friedhöfen ist auch ein besonderer Ort der Selbstfindung. Wir werden im Angesicht des Todes und der Gräber ja oft brutal auf uns selbst zurück geworfen. Wir werden uns zur Frage, die wir sind.

 

Ort der Begegnung mit Gott, Ort der Begegnung untereinander und mit sich selbst – dafür steht unser Friedhof. Das macht ihn zu einem ganz besonderen und damit begnadeten Ort.

 

Zweitens: Der Friedhof ist ein besonderer Ort des Lebens!

Wer nur irgendwie einen Glauben hat, weiß das: Das große Thema bei jedem Begräbnis ist nicht der Tod, das entscheidende Thema ist das Leben. Darum geht es ja bei den Begräbnissen auch darum, dass die Lebenden angesprochen werden und dass das Lebenswerk der Verstorbenen zur Sprache kommt.

Die Lebenden sollen ermutigt werden, ins Leben, in den Alltag zurück zu kehren. Die Verstorbenen aber, ihr Leben und ihr Lebenswerk, sollen entsprechend bedacht werden und zur Sprache kommen.

 

Der Friedhof – ein besonderer Ort des Lebens: Durch den Tod lieber Menschen wird uns die Zerbrechlichkeit menschlichen Lebens bewusst, wie kurz dieses Leben oft ist und wie einmalig. - Durch den Tod werden wir aber auch mit unserer Hoffnung konfrontiert, mit der christlichen Hoffnung auf Auferstehung und ewiges Leben. Leider ist der Begriff Leben ja in den letzten Jahrzehnten radikal verkürzt worden auf dieses irdische Leben. Die Perspektive über den Tod hinaus, die Hoffnung auf Auferstehung und ewiges Leben bleibt oft ausgeklammert aus unserem Denken und Reden. Es ist kein Wunder, wenn dann mit allen möglichen und unmöglichen Mitteln versucht wird, dieses irdische Leben zu verlängern bzw. auszupressen wie eine Zitrone.

 

Vor ein paar Generationen hat man noch gesagt: Wir leben auf dieser Welt 50 Jahre, dann aber leben wir ewig. Heute sagt man: Wir leben im Schnitt 80 Jahre, dann aber ist alles aus.

 

Der Friedhof als Ort des Lebens sollte uns nachdenklich machen für die Frage: Leben – was ist das? Leben – was ist das für mich? Der Friedhof als Lebensort könnte unsere Perspektive vom Leben wieder größer und weiter machen: Leben, das ist alles - von diesem begrenzten irdischen Leben bis hin zum himmlischen ewigen Leben, das uns hoffentlich allen einmal blüht!

 

Drittens: Der Friedhofs ist ein besonderer Ort des Gedenkens!

Das Gedächtnis an die Verstorbenen ist wichtig und braucht einen Ort, einen öffentlichen Ort. Das leistet ein Friedhof nach wie vor im Unterschied zu den nun vermehrt kommenden privaten Gedenkstätten, die nur einzelnen zugänglich sind, andere aber ausschließen. Auf einem Friedhof hat die Trauer um einen lieben Verstorbenen einen öffentlich zugänglichen Ort. Hier gibt es zumindest einmal im Jahr auch ein gemeinsames öffentliches Gedenken. Erinnerung ist das Geheimnis der Erlösung. Erinnerung ist auch das Geheimnis der Versöhnung.

Ich weiß und schätze es, dass gar nicht so wenige sogar täglich oder wöchentlich auf den Friedhof gehen um ihrer Lieben zu gedenken und für sie zu beten. Die christliche Form des Gedenkens ist ja das Beten, das Gebet für die Lebenden und die Verstorbenen, die die wahrhaft Lebenden sind. Dazu sind wir hier versammelt. Das tun wir heute wieder gemeinsam. Amen.