Predigt am 3. Ostersonntag/Muttertag 2011:

 Heute hat die Predigt zwei Teile. Zunächst möchte ich aufs Evangelium eingehen, aber auch der Muttertag und seine Botschaft sollen nicht unter den Predigt-Tisch fallen…

 Das heutiges Sonntags - Evangelium ist für mich   d i e   nachösterliche Begleitergeschichte schlechthin. Der Gang nach Emmaus ist eine herrliche Urkunde dafür, wie Menschen trotz durchkreuzter Lebenspläne, trotz ihrer Blindheiten und Traurigkeiten, trotz aller Kränkungen und Krankheiten Christus erkennen können – und zwar Christus als den Arzt ihres Lebens, Christus als das Heilmittel für ihr Lebens, Jesus Christus als Heil und Heiland ihres Lebens (vgl. I. Baumgartner).

Ich tippe nur an, welche Schritte für ein gutes Glaubensgespräch in diesem Evangelium zu finden sind, welche Schritte für eine gegenseitige geistliche Begleitung da zu erkennen sind:

 Ganz zu Beginn werden der Ort, die Zeit und die persönliche Situation dieser beiden sog. Emmausjünger geschildert. Es ist wohl unnötig anzumerken, dass sich viele gebrochene Menschen heute in einer ganz ähnlichen Situation von Trauer und Niedergeschlagenheit befinden. Mit dem heutigen Evangelium gesprochen: Es geht um Menschen in einer verzweifelten Situation, um Gläubige, die "wie mit Blindheit" geschlagen sind. Aber gerade da tritt Jesu hinzu, gerade da geht mit ihnen mit! Das erste also bei einem Glaubensgespräch und in der geistlichen Begleitung ist Zugehen auf den anderen, einfach einmal mitgehen und aufmerksam zuhören.

 Zuhören und die eine oder andere Frage stellen – das tut Jesus im Evangelium. Zuhören und die richtigen Fragen stellen – das hilft! Das war schon beim weisen Sokrates die sog. Hebammenkunst, die Kunst der Mäeutik. Jesus ist für die zwei Emmausjünger so etwas wie eine „Hebamme“, eine Art Geburtshelfer. Sein Fragen hilft, sein Fragen fordert zum Erinnern heraus, zum Wiederholen, zum Durcharbeiten dessen, was da in der jüngsten Vergangenheit gerade über sie in Jerusalem hereingebrochen ist.

Dann kommt die nötige Trauerarbeit, das Verbinden der seelischen Wunden aber auch Aufdecken von Gottes Herrlichkeit: eine neue Perspektive wird damit eingebracht, eine Tür wird gezeigt, ein möglicher Ausweg aus dem ganzen Dilemma. Wenn Menschen wieder Ziele haben, wenn sie wieder ein Warum für ihr Leben haben, dann stehen die Chancen gut, dass sie über ihre Wunden und Verwundungen hinwegkommen.

So führt sie Jesus weiter vom Gefangensein und Kreisen um sich selbst zur Offenheit für andere, zum Zeugnis für den Menschensohn: Musste der Messias nicht all das erleiden...? Jesus und jeder geistliche Begleiter wird das Bisherige in einen größeren Horizont hinein stellen. Das befreit, das entkrampft, das öffnet Menschen, ihr Blick weitet sich, sie werden wieder offen für Neues, offen auch für die Überraschungen, für die Gott immer wieder gut ist.

Diese Mystagogie ist aber erst abgeschlossen, als sie ihn am Brotbrechen erkennen, an der Eucharistie. Die Eucharistie ist einfach der Gipfel der Christuserkenntnis. Die hl. Messe ist in unserer Kirche aber auch eine besonders bewährte Quelle für jede echte Freundschaft mit Jesus dem Christus.

 Zum Schluss wird es regelrecht hektisch im Evangelium: Das, was die beiden Emmausjünger gerade erlebt haben, das macht ihnen im wahrsten Sinn des Wortes Beine. Das drängt sie, sofort aufzubrechen! Obwohl es Nacht ist, eilen sie den ganzen Weg zurück nach Jerusalem zu den anderen Jüngern. Sie müssen es ihnen und allen sagen: Jesus ist wahrhaft auferstanden! Sie können unmöglich verschweigen, was ihnen widerfahren ist, was ihnen durch die Begegnung mit dem Auferstandenen geschenkt worden ist.

Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkündige – so wird es später der hl. Paulus ausdrücken.

 Im 2. Teil der Predigt möchte ich noch drei Gedanken zum Muttertag sagen - und zwar zum Muttersein im umfassenden Sinn des Wortes: Ich hoffe, dass dabei deutlich wird, dass das Gesagte nicht nur für Frauen gilt, die tatsächlich Mutter geworden sind, sondern dass diese Gedanken eigentlich für jeden Menschen gelten:

 Erstens: Wir leben nur, weil es mütterliche Menschen gibt! Wir leben nur, weil es Menschen gibt, die ja zum Leben sagen. Muttersein im umfassenden Sinn des Wortes hat sehr viel mit Bejahung zu tun, mit Zustimmung zur Welt, Zustimmung zum Leben. Mütterliche Menschen stemmen sich damit gegen den breiten Strom der Schwarzseher und Schwarzmaler, die meinen, dass es unverantwortlich wäre, heute neues Leben zu zeugen, heute neues Leben zu gebären, wo doch die Welt und ihre Zukunft so ungewiss sei…

Leben kann es aber nur geben, wo es Bejahung gibt, Vertrauen, Geborgenheit, Angenommensein. Mütterliche Menschen schaffen einen Raum dafür. So ermöglichen sie Leben.

 Zweitens: Mütterliche Menschen erfahren sich selbst oft in der Schwebe – in der Schwebe zw. Geben und Empfangen - ohne Garantie, dass sich beides die Waage hält! Geben und Nehmen, das erleben mütterliche Menschen sehr bewusst. Oft und manchmal unmenschlich lange haben mütterliche Menschen den Eindruck, dass ihr Leben v. a. ein Geben ist, dass es mit Belastungen zu tun hat, mit Verzicht und vielen Opfern. Andere Menschen wiederum landen auf der Sonnenseite des Lebens, und sie wissen auch nicht wieso… Mütterliche Menschen versuchen die Balance zu leben. Sie versuchen, alles aus Gottes Hand anzunehmen, das Geben und das Nehmen, die Hoch- und die Tiefzeiten.

Drittens und nicht zuletzt: Ein mütterlicher Mensch ist ein betender Mensch! Beten gehört für mich notwendig zum Muttersein dazu. Die Orantenhaltung ist für mich ein stimmiger Ausdruck dafür: Sie signalisiert Offenheit auf Gott hin, Sehnsucht nach mehr. Wer betet weiß, dass er Geschöpf ist und bleibt. Er muss nicht Erlöser spielen. Aber jeder betende und daher mütterliche Mensch weiß, dass sein Erlöser lebt! Dass er da ist, wenn ich mit meinem Latein am Ende bin.

Das Gebet aber wird immer auch ein stellvertretendes Beten sein für alle, die einem besonders anvertraut sind. Dieser Dienst des stellvertretenden Gebetes wird nie aufhören, auch nicht, wenn die eigenen Kinder vielleicht schon flügge geworden sind und selbst schon Kinder haben.

Das Gebet einer Mutter von Paul Claudel, das wir nach der Kommunion hören werden, wird genau diese Haltung ausdrücken.

 Beten, in der Schwebe stehen zwischen Geben und Nehmen, die Bejahung des Lebens – das also sind für mich drei Dinge, die einen mütterlichen Menschen ausmachen. Ich danke allen, die in diesem Sinn leben und so Leben ermöglichen. Amen.