Predigt am 13. Sonntag im Jk A 2011-06-26 in Grundlsee und Altaussee

 

Ein ziemlich extremes Evangelium, das wir da gerade gehört haben. Extreme wirken für die meisten von uns eher abstoßend, Extreme sind uns meist suspekt. Jugendlichen und Sonderlingen gesteht man Extreme noch zu, aber letztlich denken wir uns: Das wird sich das schon einmal einrenken, das schleift sich alles mit der Zeit ab. Alles Extreme hört einmal auf.

 

Für die Bibel, für Jesus und seine Worte zur Nachfolge ist „extrem“ vielleicht nicht das richtige Wort. Besser ist wohl das Wort „radikal“. Jesus war radikal in seinen Forderungen. Er hat seine Jünger nie mit Glacehandschuhen angefasst – damals nicht und heute nicht. Es gibt eben kein Evangelium light, es gibt kein Wort Gottes, das nur Frohbotschaft ist. Die Bibel ist immer beides, Zuspruch und Anspruch, Ermutigung und Mahnung, Gabe und Aufgabe zugleich. Radikal, dieses Wort kommt aus dem Lateinischen: radex meint die Wurzel, meint das, was in die Tiefe geht. Radikal meint also das Gegenteil von allem Oberflächlichen. Jesus, das Evangelium, die Bibel, da geht es um Radikalität im wahrsten Sinn des Wortes. Es geht um Tiefgang, um etwas, was uns zuinnerst betrifft.

 

Die Radikalität der Worte Jesu zur Nachfolge kommt bald einmal bei jemandem in die falsche Kehle. Das war schon damals bei den Jüngern so. Da hat es dann die sog. galiläische Krise gegeben – eine Zeit, wo die Menschen scharenweise Jesus verlassen haben. In dieser Situation hat er dann an seinen engeren Jüngerkreis die existentielle Frage gestellt: „Und ihr, wollt auch ihr gehen?“ Petrus, der erste und spontanste unter den Aposteln, hat wieder einmal stellvertretend für den engsten Jüngerkreis die Antwort gegeben: „Zu wem sollten wir denn gehen, Herr? Nur du hast Worte des ewigen Lebens!“

Trotzdem wissen wir, dass auch dieser engste Freundeskreis um Jesus alles andere als eine perfekte Gemeinschaft war. Selbst die 12 Apostel haben alles andere als entschieden und beispielhaft die Nachfolge Jesu Christi gelebt: denken wir an diese sog. galiläische Krise, denken wir an den berühmten Rangstreit unter den Jüngern, denken wir an den Verrat durch den Judas, an das 3malige Leugnen des Petrus, an die Flucht am Karfreitag, an das Fehlen des Zweiflers Thomas und wie lange es gedauert hat, dass sie tatsächlich an die Auferstehung Jesu geglaubt haben.

 

Jesus mit seinen radikalen Worten und Forderungen möchte eine Entscheidung provozieren. Er möchte nicht die Nummer 2 oder 3 sein. Nein. Er möchte eindeutig die Nummer 1 sein! Er möchte nicht bloß ein Schmuckstück sein, das man in Ehren hält und pflegt. Er möchte nicht der Aufputz sein für eine Feier oder am Sonntag für die Unterbrechung des Alltags. Jesus, der Christus, beansprucht radikal den 1. Platz bei denen, die ihm nachfolgen, bei denen, die seinen Namen tragen. Das gilt allen gegenüber! Das gilt der eigenen Frau und dem eigenen Mann gegenüber, das gilt Freunden, Kindern und Eltern gegenüber… Und gerade hier passiert es ja immer wieder, dass sich Leute auch heute noch von Jesus abwenden: dass sie dann halt versuchen z. B. eine Ehe ohne den verbindenden Glauben zu leben, gestützt nur auf die gegenseitige Liebe, auf die eigenen Talente und Erfahrungen; von daher rührt dann ja so oft die gegenseitige Überforderung, dass der Partner bzw. die Partnerin bringen sollen, was allein Gott zu geben vermag, was kein Märchenprinz/keine Zauberfee je bringen kann…

Oder denken wir daran, wie Kinder oft zu Mini-Göttern hochstilisiert werden, für die man alles tut, für die nur das Allerallerbeste gut genug ist, sie sollen es ja einmal besser haben usw. usf. Man überfordert sich selbst und erst recht die Kinder damit.

Gott und seinem Christus den 1. Platz geben – das würde viel Stress herausnehmen aus Partnerschaften und Ehen. Dem gemeinsamen Glauben an Jesus Christus den 1. Platz geben – das würde alle entlasten und befreien aus diesem oft gnadenlosen Familien- und Beziehungsstress.

Ich habe dazu in den letzten Wochen 2x eine sehr gescheite Fürbitte gehört. Sie lautet ca. so: „Bitten wir darum, dass Jesus Christus für uns nicht nur eine Rolle spielt. Bitten wir darum, dass er die Regie in unserem Leben spielt.“

Genau das drückt das Anliegen Jesu aus. So eine Bitte kommt seinem Anspruch entgegen: Er möchte nicht nur eine Rolle für uns spielen! Er will die Regie über unser ganzes Leben führen! Die Frage ist, ob wir das zulassen? Die Frage ist, ob wir uns ihm überlassen?

 

Für mich kommt genau das bei der Priesterweihe sehr schön zum Ausdruck: Heute werden ja am Nachmittag im Grazer Dom drei Männer zu Priestern geweiht. Einer davon, Walter Obenaus, kommt dann Anfang September zu uns als Kaplan: Ein sog. Spätberufener. Einer, der als Koch schon bestimmt war, das Gasthaus seiner Eltern zu übernehmen. Einer, der entscheidend über die Muttergottes und den Gnadenort Medjugorje seine Berufung zum Priester gefunden hat (vgl. „Priester und Volk“ im verg. Sonntagsblatt, bzw. die aktuelle Zeitschrift des Canisiuswerkes „miteinander“ – mit ausführlicher Biographie von W. Obenaus).

Alle drei werden heute also ihr Weihe-Versprechen ablegen: Dabei versprechen sie, sich täglich enger an Jesus Christus zu binden. Sie geloben, ihr Leben unter das Geheimnis des Kreuzes zu stellen. Und sie sollen nicht nach eigenem Gutdünken Seelsorger sein sondern sich ganz der Führung des Hl. Geistes anvertrauen. Das ist Enteignung im wahrsten Sinn des Wortes. Das ist eine Übereignung des eigenen Lebens in die Hände Gottes. Das ist Sich-Fallen-Lassen, das ist Vertrauen-Haben, dass Gott allein tatsächlich genügt – dios solo, basta – so hat es die hl. Theresia von Avila ausgedrückt.

Ihn, den einen und dreieinigen Gott, lobe und preise unser Leben. Amen.