Patrozinium „Pauli Bekehr“ in der Stadtpfarrkirche Bad Aussee 2011:

Die Bekehrung des hl. Paulus war etwas Umwerfendes im wahrsten Sinn des Wortes. Und trotzdem: Der berühmte Blitz von oben hat Paulus nicht aus heiterem Himmel getroffen! Die Bekehrung des großen Völkerapostels war ein längerer Weg, ein jahrelanger Prozess! Das möchte ich mit dem Hinweis auf die Kindheit und die Familie des hl. Paulus erklären:

 

1. Wir wissen heute alle, wie entscheidend die Kindheit für die Entwicklung eines Menschen ist. Das gilt auch für Paulus, für seinen Weg, der dann vor Damaskus so dramatisch durchkreuzt worden ist. Dass Paulus aber überhaupt für einen so vollkommenen neuen Weg offen war, das hängt ganz gewiss auch mit seiner Kindheit in Tarsus zusammen:

Tarsus war damals schon so etwas wie eine Multi-Kulti-Stadt, ein Schmelztiegel von verschiedenen Kulturen, Religionen und Weltanschauungen. Tarsus war am Schnittpunkt der griechisch-römischen Kultur im Westen und der babylonisch-orientalischen Kultur im Osten. Hier gab es das römische Gesetz genauso wie den Geist der griechischen Philosophie. Hier gab es hellenistische Lebensfreude und Sportstätten, aber genauso jüdische Synagogen und Thorafrömmigkeit, orientalische Zauberei und verschiedenste Mysterienkulte. So ist der Völkerapostel von Kindesbeinen an in der jüdischen Kultur verwurzelt, aber er ist auch vertraut mit der römischen und der griechisch-hellenistischen Kultur.

Cicero war in Tarsus ein Jahr lang Statthalter. Auch der Lehrer von Kaiser Augustus, Athenodoros, lebte in Tarsus. Einer seiner Grundsätze lautete: „Für jeden Menschen ist sein Gewissen sein Gott!“ Ein anderer Grundsatz des Athenodoros hieß: „Lebe so mit den Menschen, als ob es Gott sähe. Und sprich so mit Gott, als ob die Menschen zuhörten!“

Tarsus wetteiferte damals als Universitätsstadt mit Athen in Griechenland und mit Alexandrien in Ägypten um die Palme der Bildung. Tarsus war ein ganz besonderer Ort der Bildung!

Dieses Milieu der Toleranz, dieser Schmelztiegel der Multi-Kulti-Stadt Tarsus hat ganz gewiss auf Paulus einen Einfluss gehabt, auch auf seine Bekehrung, d. h. auf seine Offenheit, dass er seine Lebensplanung noch einmal vollkommen über den Haufen wirft, dass er sich noch einmal vollkommen neu orientiert.

 

2. Einen zweiten wesentlichen Einfluss sehe ich in seiner Familie – in seiner jüdischen Herkunftsfamilie, in seiner religiösen Erziehung:

Paulus wurde ja zunächst einmal daheim in Tarsus von seinem Vater unterrichtet. Ab dem 15. Lebensjahr wurde er dann in Jerusalem durch den großen Rabbi Gamaliel zum Lehrer ausgebildet. Paulus wurde zu einem frommen Pharisäer erzogen. „Pharisäer“ ist, bitte, ja nicht als ein Schimpfwort zu verstehen. Konkret heißt das: Mit 5 Jahren wird Paulus an das regelmäßige Beten gewöhnt und von seinem Vater in die heiligen Schriften eingeführt. Mit 6 Jahren kommt er in den sog. „Weingarten“, d. h. in die Synagogenschule. Es folgt der Unterricht in der Thora und die Einweisung in die zahllosen Gesetze und Verbote der hl. Schrift. Schließlich gielt es auch noch die Mischna zu studieren, d. h. die mündliche Überlieferung, die Interpretation der hl. Schrift durch die größten Rabbinen. Paulus hat zusätzlich auch noch einen Brotberuf erlernt – er wurde Zelttuchweber. Damals galt der gescheite Grundsatz: „Wissenschaft und Handwerk sind ein gutes Paar!“ Vgl. Jesuiten, Frauenklöster: Sie verlangen auch vor dem Eintritt ein abgeschlossenes Studium oder einen erlernten Beruf – aus guten Gründen!

Paulus muss ein ganz besonders eifriger Thorastudent gewesen sein. Nach dem seltenen Vorbild mancher Rabbinen ist Paulus nämlich unverheiratet geblieben! Er hat sich offenbar als mit der Thora verheiratet empfunden.

Am Beginn seiner eigenen Lehrtätigkeit konnte Paulus jedenfalls die Bibel in- und auswendig – und das in zwei Sprachen – in Griechisch und Aramäisch! Pisa lässt wehmütig grüßen…

Wer sich aber so intensiv mit der Bibel auseinander setzt, der ist ein Gezeichneter, an dem hinterlässt der Gott der Bibel seine Spuren! Und der Gott der Bibel ist alles andere als ein eindimensionaler Gott. Er ist ein herausfordernder Gott. Jahwe ist einer, der die Menschen aber auch schon überhaupt nicht mit Glace-Handschuhen anfasst. Er ist einer, der nicht stromlinienförmig ist. Das haben viele Propheten und Gestalten der Bibel am eigenen Leib zu spüren bekommen. Jahwe ist immer für Überraschungen gut. Nicht selten durchkreuzt er sehr unsanft die Lebenspläne derer, die er liebt. Paulus war einer, der sich diesem Gott verschrieben hat mit Haut und Haar. Paulus war einer, der sich und seinen Weg immer wieder von Gott her verstanden und hinterfragt hat. Deshalb war Paulus also einer, der von seiner jüdischen Familie her, der vom seiner religiösen Erziehung her einfach rechnen musste, dass sein Gott mit ihm etwas Besonderes vorhat, dass Jahwe mit ihm einen besonderen Plan verfolgt.

Diese Offenheit für den Willen Gottes ist dem jungen Paulus quasi in die Wiege gelegt worden – von seiner Sozialisation her in dieser besonderen Stadt Tarsus und auch von seiner besonderen religiösen Erziehung her: Vor den Toren der Stadt Damaskus ist ihm dann im wahrsten Sinn des Wortes ein Licht aufgegangen, ist er aus seiner bisherigen Lebensbahn geworfen worden, ist aus dem eifernden Saulus der Synagoge der nicht weniger

eifernde Paulus der Kirche geworden, der größte Missionar der Christen-heit. Der 13. Apostel wird zu Recht mit dem ersten der Apostel, mit dem hl. Petrus, in einem Atemzug genannt wird!

Heute können wir sagen: Gott sei Dank für diese Gottes-Gabe mit Namen Paulus! Gott sei Dank für diese einmalige Berufung ganz am Anfang der Kirche! Gott sei Dank, dass ER ein so umwerfender Gott ist, damals wie heute! Ihm sei die Ehre, jetzt und in alle Ewigkeit! Amen.