Neujahrspredigt 2011:
Seit 1. Jänner
2010 liegt etwas Besonderes in meinem Geldbörserl:
ein kleiner roter Faden mit drei
kleinen Knoten! Was hat es damit auf sich? Dieser Faden mit seinen drei
Knoten sollte mir im vergangen Jahr helfen, den roten Faden nicht zu verlieren.
Er sollte mir helfen, mich in meiner Arbeit und in meinem Priestersein auf
Wesentliches zu konzentrieren. Heute ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Ich
möchte mir neu die Botschaft des roten Fadens mit seinen drei Knoten in
Erinnerung rufen. Die drei Noten stehen ja für drei Dinge, die ich für sehr
wichtig halte: Der erste Knoten
steht für die Zeit. Der zweite Knoten
steht für Bücher, ganz besonders natürlich für das
Buch der Bücher, die Bibel. Der
dritte Knoten schließlich steht für das
Priestersein – für das
Weihepriestertum aber genauso für das gemeinsame Priestertum auf Grund der
Taufe!
Zum ersten Knoten – er steht also für die
Zeit als Gabe und Aufgabe:
Ich will (mit Peter Handke gesprochen) noch deutlicher den
Geschenkscharakter der Zeit entdecken. Handke hat ja gemeint, dass man das alte
Wort „Gnade“ heutzutage besser mit
„Zeithaben“ übersetzen könnte. Wenn
man früher also gerne und oft davon gesprochen hat, dass man
im Stand der Gnade ist, dann bedeutet
das ins Heute übersetzt und aktualisiert, dass man
„im Stand des Zeithabens“
ist. Die Zeit besser und tiefer verstehen, als Gnade, als Geschenk aus
Gottes Hand – und zwar jede Zeit!
Nicht nur die Hochzeiten des Jahres
und des Lebens sind ein Geschenk aus Gottes Hand,
auch die Tiefzeiten eines Jahres und
des Lebens! Wie ich vom Tennisspielen leidvoll weiß, kann man aus Niederlagen
und Enttäuschungen oft mehr lernen als aus den Siegen und Glücksmomenten.
Versuchen wir also 2011 alle Zeit und
jede Situation anzunehmen - als Gabe und Aufgabe aus Gottes Hand, das Gute
genauso wie das Schlechte, das, was Freude macht, genauso wie das, was
nachdenklich stimmt oder traurig macht.
Ganz konkret möchte ich wieder schauen,
dass jeder Tag ein deutlicheres Profil hat beim Aufstehen und beim Schlafengehen
– einen bewussten Beginn am Morgen und einen bewussten Abschluss am Abend.
Das Kreuzzeichen und ein Ehre sei dem Vater am Morgen beim Aufstehen und
dann wieder am Abend beim Schlafengehen könnten jedem Tag ein deutliches Profil
geben! Das Kreuzzeichen und ein Ehre sei dem Vater sollen also für mich im Jahr
2011 wieder ganz am Beginn und ganz am Ende eines jeden Tages stehen.
Zum zweiten Knoten – er steht für das Lesen von Büchern und v. a. für das Buch
der Bücher: Er steht also
für die Lektüre im Allgemeinen, fürs „Abenteuer im Kopf“, und er steht für die
biblische Lektüre im Speziellen, ohne die niemand ein geistlicher Mensch sein
kann:
Wir leben im sog. Medienzeital-ter.
Eine Flut von Bildern überschwemmt uns jeden Tag, man könnte fast von einer
„Sintflut“ an Reizen sprechen, der wir ausgesetzt sind. Eine Chance, sich dem
ein wenig zu entziehen, ist eindeutig das Lesen. Gott sei Dank hab ich mir das
Lesen nie vermiesen lassen. Seit meiner Studienzeit notiere ich mir auch alle
Bücher auf, die ich im Lauf des Jahres lese. In den vergangenen sechs Jahren im
Ausseerland waren es konstant zwischen 60 und 70 Bücher und Bücherln – zwei
Drittel sind literarische Werke, ein Drittel ist der Theologie bzw. der
Spiritualität zuzuordnen. Im Jahr 2010 hab ich mich bemüht, wieder
mehr auf den „Originalton“ des Wortes Gottes zu hören. Es mir immerhin
gelungen das ganze Neue Testament vom Anfang bis zum Schluss zu lesen. Die Bibel
ist und bleibt wichtig.
„Auf Christus schauen“ war
bekanntlich das Motto für die Pastoral in unserer Diözese im Jahr 2010. Auf
Christus schauen heißt ganz konkret eben auch die Bibel lesen, immer wieder von
neuem! Die Hl. Schrift nicht kennen, das
hieße ja (mit dem hl. Hieronymus gesprochen) Christus nicht kennen! Wie aber
könnten wir Christen sein, wenn wir Christus nicht kennen, wenn wir nicht auf
ihn hören, auf das lebendige Wort Gottes! Daher behält dieser zweite Knoten
seine Aktualität: Er soll mich auch 2011 ans Lesen erinnern, v. a. ans Lesen im
Buch der Bücher!
Zum dritten Knoten - er steht für das Priestersein:
Das Priestersein gibt es in
unserer Kirche bekanntlich in zwei
Formen: Das erste und wichtigste, das alle Christen verbindet, ist
das gemeinsame oder allgemeine Priestertum auf Grund der Taufe. Und dann
gibt es eben als Dienst an diesem allgemeinen Priestertum
das sog. Weihepriestertum, das
Priestertum des Dienstes. Damit alle ihr gemeinsames Priestertum gut leben
können, dazu braucht es einzelne, die sich für dieses spezielle Priestertum
entscheiden. Beide Formen des Priesterseins sind notwendig und beide brauchen
sich gegenseitig. Daran denke ich, wenn ich die Albe anziehe, das weiße Kleid,
das mich an die Taufe und damit an die sakramentale Geschwisterlichkeit mit
allen Getauften erinnert.
Das war natürlich eine besonders harte Nuss,
das ausgerechnet im sog.
„Jahr der Priester“ eine Unzahl
von Missbrauchsfällen öffentlich geworden ist: Machtmissbrauch genauso wie
sexuellen Missbrauch durch Priester und Ordensleute. Da gibt es nichts zu
beschönigen. Da gehört alles auf den Tisch.
Nur die Wahrheit kann befreien! Gott sei Dank haben die Bischöfe bei uns
sofort, klar und deutlich reagiert. Dass jetzt endlich
der Schutz der Opfer und die Prävention
im Vordergrund stehen und nicht mehr das Image der Kirche, das ist in der
Literatur als „kopernikanische Wende“
bezeichnet und damit gelobt worden.
Allerdings bleibt noch viel zu tun! Aber die ganzen Missbrauchsfälle auf den
Zölibat zurück zu führen ist für mich eine dumme und unfaire Engfüh-rung. Bei
nicht wenigen, die das tun, habe ich das Gefühl, dass es ihnen einfach darum
geht, den Zölibat endlich weg zu kriegen - so als ob dies das Allheilmittel
wäre, so als ob der Zölibat das Grundübel von allem wäre, was in der Kirche
schlecht ist. Für mich persönlich ist das
„Orts-Kaisertum“ mancher Priester ein besonderes Übel, mangelnde
Solidarität und fehlende Bereitschaft über den Tellerrand der eigenen Pfarre(n)
hinaus zu schauen. Wie gut wäre es, wenn wir für die Seelsorge gewisse
verbindliche „Standards“ hätten, die
von jedem Priester einzuhalten sind. Aber wahrscheinlich bewegen sich manche
Kollegen erst, wenn es Gehaltskürzungen gibt wegen nicht erbrachter Leistungen…
Drei Knoten, drei besondere Akzente:
Zeit, Buch, Priestersein. Mögen mir diese Akzente helfen, dass
das Jahr 2011 ein gutes und gesegnetes Jahr wird, ein Jahr „im Herrn“, wie man
früher einmal gesagt hat. Amen.