Predigt am 7. Sonntag im Jahreskreis A am 20. 2. 2011 in GS/BA/AA:
Der Dichter Albert Camus hat einmal gemeint: „Ein Mensch ist mehr ein Mensch
durch das, was er verschweigt, als durch das, was er sagt!“ – Das kann schon
stimmen, hin und wieder. Es gibt ja das sog. „beredte Schweigen“. Das
Schweigen hat schon seine Qualität, aber noch mehr Qualität hat das Wort, haben
Worte, die aus dem Schweigen kommen. Solche Worte haben eine ganz besondere
Kraft. Und solche Worte finden wir immer wieder in der Bibel. Wir hören sie,
wenn wir zum Gottesdienst gehen, wenn die Lesung vorgetragen und das Evangelium
verkündet wird.
Schweigen ist wichtig, aber letztlich sind wir Menschen doch eine creatura
verbi, d. h. wir sind Geschöpfe des Wortes. Ohne ein Wort würden wir nicht
leben, ohne das Wort könnten wir nicht glauben. Gott sei Dank also für das Wort,
für das Wort Gottes und das Wort lieber Menschen.
Auf ein
besonderes Wort aus dem heutigen Evangelium und auf zwei besondere Worte aus der
Lesung möchte ich nun in der Predigt eingehen:
A) Im Evangelium ist es das
Wort von der Feindesliebe: Damals wie heute regiert ja ein Gesetz die Welt
und dieses Gesetz lautet: „Auge um Auge, Zahn um Zahn!“ Oder mit anderen
Worten: „Wie du mir, so ich dir!“
Es ist ein gottloses Gesetz. „Wie
du mir, so ich dir!“ ist eigentlich ein gnadenloses Prinzip!
Mit dem Wort von der Feindesliebe, mit diesem schier menschenunmögli-chen
Prinzip versucht Jesus die Spirale der Gewalt zu durchbrechen. Er möchte den
Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt stoppen. Sein Appell lautet: Lebe
nicht länger nach den Prinzip „Wie du mir, so ich dir!“ Lebe nach dem neuen
Prinzip der Bergpredigt. Es lautet: „Wie Gott mir, so ich dir!“
Jesu Appell, seine Worte sind
zugleich seine Taten: Er hat die Liebe Gottes nicht nur verkündet. Jesus hat aus
dieser Liebe gelebt, er hat aus dieser Liebe gelitten, er ist als Folge dieser
Liebe gestorben und er ist auferweckt worden. Jesu Ansatz ist also nicht mehr
und nicht länger „Wie du mir, so ich dir!“ Die messianische Alternative lautet
„Wie Gott mir, so ich dir!“ – Vor diesem Hintergrund wird sogar das schier
Unmögliche der Feindesliebe möglich. Unsere Liebe zu Gott, unsere Liebe zum
Nächsten und erst Recht unsere Liebe zum Feind sind möglich, weil ER uns zuerst
geliebt hat, weil all unser Lieben zurück lieben ist, Antwort geben.
B) Von
der heutigen Lesung aus dem 1 Kor möchte ich zuerst auf das Wort vom Tempel
Gottes eingehen: „Gottes Tempel ist heilig und der
seid ihr!“ – Ihr seid der Tempel Gottes. Wenn man nur irgendwie weiß, wie heilig
der Tempel von Jerusalem den Juden war und ist, dann erahnt man die Kraft dieses
Wortes. Wenn die getauften Christen „Tempel Gottes“ genannt werden, dann drückt
das sehr viel über das christliche Selbst- und Sendungsbewusstsein aus. Jeder
Getaufte ist heilig. Jede ist ein Ort der Gegenwart Gottes. Alle Gläubigen
verdienen Achtung und Ehrfurcht. Sie alle sind etwas ganz Einmaliges. Sie alle
haben eine unantastbare Würde: Christ, bedenke deine Würde. Du bist Tempel
Gottes. Für Gott bist du einzigartig und heilig. Vergiss das nie. Halte
es dir vor Augen, gerade wenn es dir einmal schlecht geht, wenn dunkle Wolken
aufziehen, wenn dich Zweifel befallen, wenn der Kleinglaube an dir und deinem
Taufbewusstsein zu nagen beginnt.
Das Wort vom Tempel Gottes kann uns so etwas wie ein Licht-Wort sein, ein Wort
der Ermutigung gerade auch in den dunklen Stunden des Alltags. Ihr seid der
Tempel Gottes und der ist heilig!
C) Von
der heutigen Lesung aus dem 1 Kor möchte ich noch auf das Schluss-Wort eingehen:
Unser Diözesanbischof hat es vor 30 Jahren ausgewählt als Motto für sein
Bischofsamt: „Alles gehört euch, ihr aber gehört Christus!“
Dahinter steht der Glaube,
dass Gott allein genügt. Dahinter steht das Vertrauen, dass Christus für
Christen das Maß aller Dinge ist. Er ist der Maßgebliche. Wer Christus
hat, hat alles, hat alles zum Heil Nötige. Daher auch die für Christen so
typische Gelassenheit allem Irdischen gegenüber. Nichts kann uns ängstigen,
nichts soll uns verwirren, nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes, die in
diesem Jesus Christus so handfest und konkret geworden ist. Die Liebe Gottes hat
Hand und Fuß, sie hat ein Gesicht, einen ganz konkreten Namen: Jesus, der
Christus!
Alles
gehört euch – das erinnert die in der Bibel Bewanderten an die Schöpfung, an
den Schöpfungsauftrag aber auch an die Schöpfungsverant-wortung des Menschen. Es
ist dem Geschöpf Mensch tatsächlich alles anvertraut worden, zu treuen Händen
ist ihm alles gegeben worden. So sitzt der Mensch mit allen übrigen Geschöpfen
im selben Boot. Auf Gedeih und Verderb sind wir aufeinander angewiesen. Die Gabe
„Schöpfung“ ist für das Geschöpf Mensch zugleich eine Aufgabe, eine große
Herausforderung.
Wir selbst aber gehören als Getaufte nicht mehr uns! Wir gehören Christus. Auf
ihn, auf seinen Namen sind wir getauft. Der hl. Bischof Pacian hat es das
geglückt formuliert mit dem Satz „Christianus mihi nomen est, catholicus
cognomen!“
Man könnte es so übersetzen: Mein Familienname ist Christ. Mein Vorname ist
„katholischer Christ“. Diesen Glauben haben wir bei der Taufe wie ein Kleid
angezogen. Das weiße Kleid erinnert daran. Wie Kleider schützen und bergen, so
möge uns unser christlicher Glaube schützen und bergen, solange wir unterwegs
sind von Holz zu Holz. Alles gehört euch, ihr aber gehört Christus! So
ist es und so soll es bleiben. Amen.