Weihnachtspredigt 2010
Weihnachten ist
ein berührendes Fest. Das
Geburtsfest Jesu Christi lässt in unserem Land wohl nur wenige kalt. Weihnachten
belebt nicht nur die Wirtschaft und die Sinne. Weihnachten belebt den ganzen
Menschen und verändert ihn - zumindest für ein paar Stunden, wenigstens für
einen Abend.
„Blüh auf,
gefrorener Christ!“ – ruft der
Mystiker Johannes Scheffler (Angelus Silesius, getauft am 25. Dez. 1624) den
Menschen zu, damit es Frühling wird im Winter der Natur und im Winter der
Herzen.
„Du bleibest ewig tot, blühest du nicht
jetzt und hier!“ Lass dich doch berühren von der Menschwerdung des
Sohnes Gottes. Lebe neu auf, weil heute
das Leben gekommen ist in diesem Kind in der Krippe. Blüh doch
jetzt und hier auf, so wie die
Barbara-Zweige aufblühen zur Weihnacht. Schau dich um und staune über das Wunder
des Lebens mitten im kalten Winter.
Weihnachten
ist da, jetzt und hier. Jetzt ist die
Zeit aufzutauen, jetzt ist die Stunde, neu aufzublühen. - Wenn wir auf alte
Weihnachtsdarstellungen schauen, dann zeigen sie, wie zu Christi Geburt alles
Leben erwacht. Biblisch ist nicht der Schnee das große Thema, im Gegenteil! Im
hl. Land werden Regen und Tau aus der Höhe sehnsüchtig erwartet,
dass die Erde grün wird, dass
Wüste und Steppe zu blühen beginnen, dass aus der alten
Wurzel Jesse ein neuer Trieb kommt,
dass die Dornen Rosen tragen…
In vielen Kirchen wird zu Beginn der Weihnachtsfeier jener Text gesungen, den
wir heute zur Einleitung gehört haben. Er stammt aus dem 1584 offiziell
eingeführten
„Martyrologium Romanum“. Der
feierliche Text stellt die Geburt Christi in den Zusammenhang der Welt- und
Heilsgeschichte. Auch wenn die Jahreszahlen nicht wörtlich zu nehmen sind, ist
dieses jahrhundertealte „römische
Zeugnis“ ein beeindruckender und berührender Text.
„Das Wort ist
Fleisch geworden…“ – so fasst
Johannes in seinem Prolog das Wunder der Weihnacht zusammen. Die Kirchenväter
der Frühzeit des Christentums können nicht genug darüber staunen, dass Gott
Mensch geworden ist, dass der Sohn Gottes
„in unser armes Fleisch“ gekommen ist, dass der Logos unter den alogischen
Wesen (Ochs und Esel) liegt, dass der Allmächtige ohnmächtig als Kind in der
Krippe liegt!
Cur deus homo –
Warum ist Gott Mensch geworden? Das
ist letztlich nicht zu verstehen. Man wird wohl nie weiter kommen als bis zum
Resümee vom Johannes-Evangelium, 3. Kapitel, Vers 16:
„So sehr hat Gott die Welt geliebt…“
Der vielleicht größte deutsche Theologe des 20. Jhs. P. Karl Rahner SJ. hat für
mich noch einmal dieses wunderbare Geschehen geglückt in folgende Worte gefasst:
„Wenn wir sagen: Es ist Weihnacht, dann
sagen wir: Gott hat sein letztes, sein tiefstes, sein schönstes Wort im
fleischgewordenen Wort in die Welt hineingesagt, ein Wort, das nicht mehr
rückgängig gemacht werden kann, weil es Gottes endgültige Tat, weil es Gott
selbst in der Welt ist. Und dieses Wort heißt:
Ich liebe dich, du Welt und du
Mensch.“
Das ist eine echte Frohbotschaft, eine wirklich gute Nachricht für die Menschen
und alle Welt. Das ist göttlich, herrlich,
einfach zum Niederknien!
Deshalb wird ja zur Weihnacht beim Glaubensbekenntnis in der Kirche bewusst eine
Kniebeuge oder Verneigung gemacht – und zwar genau bei der Stelle, die im Credo
von der „Inkarnation“ spricht, d. h.
von der „Fleischwerdung“. Durch
dieses Ritual der Kniebeuge bzw. der Verneigung wird die Bewegung Gottes
nachvollzogen: Gottes Herabkommen in die Niederungen unseres Lebens wird
nachgeahmt, sein Kommen
„in unser armes Fleisch“. Die
gläubigen Christen loben und danken Gott für dieses Wunder der Weihnacht. Sie
sagen es allen weiter sagen, v. a. aber den Notleidenden, den Kranken und
Verzweifelten: Ihr alle seid von Gott
geliebt und angenommen. Euretwegen ist der Sohn Gottes Mensch geworden!
Es tut mir darum in der Seele weh, wenn dann ausgerechnet eine dieser Leidenden
die Frage stellt:
„Ich weiß nicht, ob der Himmel
niederkniet, wenn man zu schwach ist, um hinaufzukommen?(Christine Lavant)“
Ja! Noch einmal und hundertprozentig Ja! – Der Himmel hat sich schon
niedergekniet. Gott hat sich längst schon ein Herz genommen. Er ist uns entgegen
gekommen. Wir müssen uns nicht länger bemühen, hinauf zu kommen – schon gar
nicht, wenn wir schwach und müde sind. Er selbst ist herab gekommen. Der Sohn
Gottes hat Fleisch angenommen und ist Mensch geworden. Der Allmächtige ist
zugleich der aus Liebe Ohnmächtige.
Marie Luise Kaschnitz hat das wunderbar formuliert in dem Satz: „JESUS…eine
Großmacht und eine Ohnmacht, immer, heute noch.“
Das ganze Jahr 2010 war in unserer Diözese von der Einladung geprägt
auf Christus zu schauen. Zum
Abschluss des Jahres ist dazu knapp vor Weihnachten im Grazer Mausoleum ein
herrlicher Bildband präsentiert worden. Gut
50 Christusdarstellungen aus der ganzen
Steiermark sind darin beschrieben. Eine davon war unserer Schöne Madonna von
Aussee mit dem Kind aus der Frauenkapelle der Stadtpfarrkirche, diese herrliche
Muttergottes-Statue, zu der die AusseerInnen seit 600 Jahren in guten und
schlechten Zeiten pilgern und wo gewöhnlich unsere Taufen in der Pfarrkirche mit
dem Segen abgeschlossen werden. Auch wenn es 1000e Christusdarstellungen gibt,
keine einzige kann angemessen ausdrücken,
wer dieser Jesus von Nazareth
wirklich ist. Die Bilder können uns aber zu Suchenden machen. Sie können
unser persönliches Jesusbild hinerfragen und vertiefen.
Das kann freilich auch
ein gutes Wort leisten, wie
jenes von Franz Kafka, der
Jesus ein Abgrund nennt,
ein lichterfüllter Abgrund.
Oder wie jens des jungen steirischen Kaplans
Thorsten Schreiber, der über
Jesus Christus meint:
„ER sagte, was ER glaubte. ER glaubte,
was ER sagte. Und ER tat, was Er sagte und glaubte.“
Auf Christus schauen und auf Christus hören, das bleibt unser „Programm“… Dazu
wünsche ich Ihnen viel Licht, viel von dem Licht, das vom Kind in der Krippe
ausgeht. Amen.