Predigt zum Thema APOKALYPSE (32. Sonntag, Lj C am 7. 11. 2010)

 

Ich möchte heute eine sog. thematische Predigt halten – und zwar zum Thema „Apokalypse“. Das biblische Wort Apokalypse hat Hochkonjunktur, wenn wir in unsere Bücherregale schauen oder ins Kino gehen. Es muss für alles Mögliche und Unmögliche herhalten, wann immer Endzeitstimmung ausbricht auf diesem Planeten.

Das Gespenst der Apokalypse geht wieder um. Es macht viel Geschäft mit der Angst der Menschen. Only bad news are good news – lautet ein bekanntes Prinzip in unserem Medienzeitalter. Es ist ein sehr einträgliches Geschäft, wie wir wissen. Angst rechnet sich gut - das wissen v. a. die Geschäftemacher mit der Angst. Die Zeit um Allerheiligen ist mit Halloween bereits erfolgreich von solchen Geschäftemachern erobert worden: Ein bisschen Spuk, ein wenig Spaß, Süßes oder Saures, ein fast noch netter Nervenkitzel – was kann daran schon schlecht sein, man gönnt sich ja sonst nichts…

Aber „Angst essen Seele auf“ – wie es schon im gleichnamigen Film heißt. Vielleicht werden wir schon in wenigen Jahren darüber klagen, dass wir die Geister, die wir riefen, nun nicht mehr loswerden. Bereits vor 100 Jahren hat  der Dichter Emmanuel Geibel darauf einen Reim gemacht. "Glaube, dem die Tür versagt, steigt als Aberglaube ins Fenster. Wenn die Götter ihr verjagt, kommen die Gespenster." Und ein bekanntes Sprichwort sagt dazu: "Wo der Glaube zur Tür hinausgeht, da kommt der Aberglaube beim Fenster herein."

 

Gerade in Angst besetzten und apokalyptisch aufgeladenen Zeiten gilt es nüchtern zu bleiben. Ich erinnere daher an die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Apokalypse: Apokalypse meint nämlich das genaue Gegenteil von Angst und Grauen! Es geht ihr nicht um die Beschwörung von dunklen, okkulten Mächten, ganz im Gegenteil: Apokalypse heißt aus dem Griechischen wörtlich übersetzt: Ent-Hüllung, Wegziehen des Schleiers, Ans-Licht-Bringen, Offenbaren.

 

Die Apokalypsen sind eine Art und Weise zu schreiben gewesen. Ihr Höhepunkt lässt sich zeitlich gut eingrenzen – und zwar auf die drei Jahrhunderte vor und nach Christi Geburt. Der Begriff Apokalypse ist für diese Literatur aber erst im 18. Jh. eingeführt worden! Über Jahrhunderte waren die meisten apokalyptischen Texte unbekannt und verschwunden. Erst im 19. Jh. hat man dann eine Vielzahl von ihnen wieder entdeckt, die bekanntesten sind das äthiopische und slawische Henochbuch, die Himmelfahrt des Mose, die Apokalypse Abrahams, das Petrus- und das Thomasevangelium. In der Euphorie über diese Funde ist die Bedeutung der Apokalypsen ziemlich überschätzt worden. Manche haben sogar gemeint, dass die Apokalypse die Mutter aller Theologien sei!

 

Was sind denn die Merkmale, an denen wir Apokalypsen erkennen können?

Am auffälligsten ist sicherlich die Vielzahl der Visionen in diesen Schriften. Typisch für apokalyptische Texte ist ein Dualismus, d.h. die Zweiteilung der Welt in gut/böse, licht/dunkel, die Zwei-Äonenlehre mit der gängigen Schwarz-Weiß-Malerei. Weitere Merkmale sind der Glaube an die Präexistenz der Retterfiguren und der Glaube an eine Vorherbestimmung, ein gewisser Determinismus also. Dazu kommen noch Geheimtraditionen für die Erwählten/ Erleuchteten und eine radikale Eschatologisierung, d.h. dass alles im Blick aufs Ende gesehen wird. Alles wird vom großen Welt-Gericht her bewertet.

Die Apokalypsen bedienen sich zweier beliebter Stilmittel: einerseits der sog. Pseudepigraphie, d.h., dass als Verfasser eine berühmte Person der Vergangenheit genannt wird, in deren Geist man an die Menschen im Jetzt, im Heute schreibt (Abraham, Henoch, Mose oder die Apostel sind dafür besonders gerne genommen worden). Ein zweites beliebtes Stilmittel der Apokalypsen ist die Einteilung der Weltgeschichte in verschiedene Perioden bzw. Zeitalter: Ich erinnere an die 4 Weltreiche im Buch Daniel, an ein Zehn-Wochen-Schema im äthiopischen Henoch oder an die 12 Epochen im syrischen Baruch. Klassisch und damit viel älter ist ja das Schema der 4 metallischen Zeitalter mit seinem unbarmherzigen Abwärtstrend vom golden, zum silbernen, bronzenen und schließlich eisernen Zeitalter. (Der Dichter Hesiod hat in seinem Pessimismus sogar von einer fünften Periode gesprochen, die seiner Meinung nach eben erst beginnt und die die schlimmste von allen sei.) Im Mittelalter gibt es dann beim Abt Joachim von Fiori ein Gegenmodell, ein Aufstiegsschema, demnach wird alles besser: Abt Joachim spricht in seinen Predigten von drei aufsteigenden Zeitaltern: dem Zeitalter des Vaters folgt das Zeitalter des Sohnes und dem folgt endlich das Zeitalter des Geistes.

 

Die apokalyptische Literatur will den geheimen Lauf der Geschichte enthüllen. Sie will die tatsächlichen Kräfte hinter den historischen und politischen Verhältnissen aufdecken. Die Apokalypsen wollen die vordergründig bestehenden Macht- und Gewaltverhältnisse entlarven, die wahre Macht aber, Gottes Macht, wollen sie offenbaren, wollen sie ans Licht bringen.

 

Und dann dürfen wir nicht vergessen, dass die Apokalypsen Literatur aus dem Untergrund sind, Widerstandsliteratur. Der aus der Steiermark gebürtige Bibelwissenschafter Hubert Ritt spricht von "Krisentexten" und zeigt auf, wie einerseits den Juden andererseits auch den Christen damals fast jede nationale Hoffnung auf Befreiung bzw. Freiheit genommen wurde. Deshalb ist diese negative Sicht der Geschichte auch verständlich: Dass sich die Lage der Menschheit dramatisch zuspitzt, dass die Weltgeschichte eine Talfahrt ist und die Katastrophe, der Crash also unmittelbar bevorsteht. Die Schreiber der Apokalypsen schauen daher nicht so sehr zurück sondern v. a. nach vorne. Und so entdecken sie die Wende zum Heil. "Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch" sagt der Dichter Hölderlin. Wo den Gläubigen eine so große Gefahr droht, da muss sich Gott ganz einfach als Retter zeigen im großen Finale. Das zentrale Anliegen der Apokalypse ist also Ermutigung für die Verfolgten, ist Trost für die Bedrängten, sind Durchhalteparolen und die Erinnerung an die Treue Gottes.

 

Was aber ist das Spezielle der christlichen Apokalypsen im Unterschied etwa zu den jüdischen? Was ist das entscheidend und unterscheidend Christliche?

Das Spezifische der christlichen Apokalypsen ist der Tod und die Auferstehung Jesu Christi. Das Besondere ist die Überzeugung, dass die alles entscheidende Wende schon geschehen ist, dass Christus in seinem Tod und in seiner Auferstehung die Menschen schon erlöst hat, dass die Welt und der ganze Kosmos schon erlöst sind. Aber der Geschichtsplan Gottes ist noch nicht vollendet. In dieser Spannung leben wir - zwischen "schon und noch nicht", Wir sind schon erlöst und doch noch nicht vollendet! Auch wenn die Christen und die Kirche von den Machthabern jetzt noch so brutal verfolgt werden, sie wissen, dass sie schon gewonnen haben - weil Christus gewonnen hat, weil Jesus Christus das Leiden, die Angst und den Tod besiegt hat. Deshalb gehen die Christen aufrechten Ganges durch die Welt. Das Aufrecht-Stehen ist zu ihrem Markenzeichen geworden im Unterschied zu den Heiden, die buckeln und knien. Die Christen, das sind die Freien, die von Christus Befreiten und mögen sie nach außen hin noch so geknechtet und verfolgt werden.

Am deutlichsten zeigt sich dieser Unterschied, wenn man das Ende der Welt bedenkt und auf den Tod zugeht. Während die einen jammern, klagen und auf Tauchstation gehen, während sie sich ducken oder am liebsten verkriechen möchten, gehen die Gläubigen gelassen dem Tod und dem Gericht entgegen. Sie wissen ja: Der Richter ist Christus Jesus! Der Richter ist derselbe, der aus Liebe zu uns einer von uns geworden ist. Und so gibt Lukas in seinem Evangelium folgenden Rat für den Tag des Gerichtes (Lk 21, 28): "Wenn all das geschieht, dann richtet Euch auf und erhebt euer Haupt, denn eure Erlösung ist nahe!"

Ich wünsche uns daher ein Dreifaches: 1. Dass wir den Glauben nicht verlieren, dass wir tatsächlich schon erlöst sind. 2. Dass wir den aufrechten Gang nie verlernen. Und 3., dass wir nie vergessen: der kommende Richter ist derselbe, der aus unbegreiflicher Liebe zu uns einer von uns geworden ist. Ihm leben wir, ihm sterben wir entgegen. Er wird uns heimführen, wenn es dafür Zeit ist. Amen.