Nicht am Leid vorbei, sondern durch das Leid hindurch geht der Weg zur Auferstehung!

 

Das ist eine allgemeine menschliche Erfahrung. Das wird in den Kirchen immer wieder und manchmal zu rasch verkündigt. Ihre Botschaft, ihr hoher Anspruch hat die katholische Kirche in den vergangenen Wochen eingeholt. So steht sie nun selbst auf dem Prüfstand und nicht selten am Pranger von veröffentlichten Meinungen. Die Osterfeiern 2010 sind vor diesem Hintergrund eine ganz besondere Herausforderung für die katholische Kirche.

 

Ostern 2010 – dazu kommen mir drei Bilder in den Sinn: ein „Karwochen-Bild“ von einem Bischof aus dem Jahr 1030, die Osterkerze aus der Feier der Osternacht und nicht zuletzt die klassische Auferstehungs-Ikone der orthodoxen Kirchen.

 

Das erste Bild, das ich vor Augen habe, ist eine Miniatur von Bischof Sigbert von Minden: Wir finden dieses Bild auf der Seite 1 des aktuellen Pfarrblattes.

Das Bild ist vor 980 Jahren (!) gemacht worden. Und doch ist es für mich ganz aktuell und bezeichnend für die Situation, wie es wohl vielen Bischöfen zurzeit gehen mag. Die Betroffenheit dieses Bischofs und seiner Mitarbeiter spricht Bände. Sie sind gefühlsmäßig noch ganz in der Karwoche, d. h. sie sind noch wie gelähmt von den Dingen, die sie erfahren haben. Leid, Trauer und Scham sind in ihren Gesichtern zu lesen.

 

Das lässt mich an die Betroffenheit unserer Bischöfe denken und an ihre glasklaren Worte zum Abschluss ihrer Frühjahrskonferenz am 4. März zum Kindesmissbrauch. Unser Papst hat deutlich Stellung genommen in seinem Schreiben an die Katholiken Irlands, wenn er etwa schreibt: „Im Namen der Kirche drücke ich offen die Schande und die Reue aus, die wir alle fühlen.“ Völlig zu Recht sagt er aber auch, dass der Missbrauch weder ein rein irisches noch ein rein kirchliches Problem ist. Grundsätzlicher geht’s nicht –hat sogar der Spiegel online dazu gesagt. In den vergangenen 15 Jahren hat es in Deutschland 200.000 Anzeigen wegen Kindesmissbrauch gegeben: Wer dieses abscheuliche Verbrechen nun auf die Kirche oder gar auf den Zölibat eng führen möchte ist nicht nur dumm, sondern auch voreingenommen und unfair. Wer Augen hat zu sehen und wer Ohren zu hören, der sehe und höre doch, wie sich in der Kirche in den letzten Wochen in dieser Sache beispielhaft viel getan hat.

 

Der Papst, unsere Bischöfe und wiederum besonders beispielhaft Kardinal Christoph Schönborn, sie alle haben sich im Sinn der Bibel entschieden, dass allein die Wahrheit hilft und befreit. Schützenhilfe bekommen sie dabei von Leuten wie Ingeborg Bachmann („Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar“) oder Waclav Havel (Es geht um den „Versuch in der Wahrheit zu leben“). Bert Brechts sarkastischer Verdacht („Die Kirche liebt die Wahrheit nicht!“) sollte wohl definitiv der Vergangenheit angehören.

Der Papst, die Bischöfe und die Kirche insgesamt, sie bleiben nicht einfach belämmert sitzen, wie der Bischof auf der Seite 1 auf unserem Pfarrblatt. Sie sind aufgestanden und sie stellen sich der Wahrheit, auch wenn diese Wahrheit „eine Katastrophe“ ist, wie schon Th. Bernhard vermutet hat. Aufstehen, sich der Vergangenheit stellen, dafür (auch mit finanziellen Entschädigungen) einstehen, damit endlich Heilung möglich wird, damit sich Auferstehung ereignen kann bei Opfern, Tätern, in Kirche und Gesellschaft – das ist also das Gebot der Stunde.

 

Das zweite Bild ist die Osterkerze:

Für die Pfarren des Ausseerlandes hat sie wieder unser betagter und schwer krebskranker Diakon Wieland Hillmann gestaltet. Fast zwei Jahrzehnte hat er selbst dieses Licht der Osterkerze in die dunkle Kirche getragen. Dabei hat er dreimal gesungen: „Christus, das Licht!“ Und die Auferstehungsgemeinde der Osternacht hat geantwortet: „Dank sei Gott!“

 

Zwei Besonderheiten zieren die Osterkerze 2010: Kelch und Hostie – als Zeichen für das Jahr der Priester in der Weltkirche; „auf Christus schauen“ – das Motto für die Seelsorge in unserer Diözese.

 

Die Sorge um den Priesterberuf, um genügend geistliche Berufungen, prägt seit Jahrzehnten die katholische Kirche. Sie ist insofern eine besonders berechtigte Sorge, als die Zahl der geistlichen Berufe ein Indiz für die Glaubensintensität in einem Land ist.

Einer, der sein Priestersein weit über die Grenzen der Kirche hinaus beispielhaft gelebt hat, war unser „Jahrhundert-Kardinal“ Franz König. Seinem Testament hat er handschriftlich die Bitte hinzugefügt: „Mein Wunsch ist nur: an meinem Sarg die Oster-Kerze nicht zu vergessen!“ Seither wird bei uns immer öfter die Osterkerze bei den Begräbnissen in die Nähe des Sarges gestellt und entzündet.

 

Die Osterkerze ist ja ein ganz besonders starkes Zeichen für Christus und die Auferstehung. Wenn sie am Beginn der Osternachtsfeier entzündet wird, spricht der Priester folgende Worte: „Christus, gestern und heute, Anfang und Ende, Alpha und Omega. Sein ist die Zeit und die Ewigkeit. Sein ist die Macht und die Herrlichkeit in alle Ewigkeit. Durch seine heiligen Wunden, die leuchten in Herrlichkeit, behüte uns und bewahre uns Christus, der Herr.“

 

Jesus Christus ist immer der Gekreuzigte und der Auferstandene. Der Ohnmächtige ist zugleich voll der Macht und Herrlichkeit. An seinen Wunden wird der Auferstandene identifiziert. Verdichtet hat das M. L. Kaschnitz so formuliert: „Jesus – eine Macht und eine Ohnmacht, immer, heute noch!“

 

Der bekannte katholische Pfarrer Lothar Zenetti hat folgende Zeilen über Jesus aufnotiert:

"Der, von dem ich erzählen will, wurde geboren in Armut und starb, noch jung, mit ausgebreiteten Armen am Kreuz einen schrecklichen Tod.

Er starb, wie er lebte, und lebt, wie er starb: mit ausgebreiteten Armen."

 

Mit diesem Text und dem Hinweis auf die offenen Hände Jesu, auf seine ausgebreiteten Armen bin ich beim dritten Bild angelangt, beim klassischen Osterbild der Orthodoxie – es ist die Anastasis, d. h. die Auferstehungs-Ikone: Diese Ikone zeigt, wie Jesus in die Unterwelt hinabsteigt und wie er auch den Verstorbenen seine Hand entgegenstreckt. Er ergreift stellvertretend für alle die Hand von Adam und Eva. Damit ergreift er die Hand der ganzen Menschheit und alles Lebendigen. Adam heißt ja „Erdling“ und Eva bedeutet „Leben“. Alle holt Christus also aus ihren Gräbern, alle bringt er aus dem Dunkel ans Licht, alle holt er vom Tod zum Leben!

 

"Einem Menschen die Hand hinstrecken, d. h. ihn retten!" - dieses herrliche Wort verdanken wir Honoré de Balzac. Es fasst geglückt unsere christliche Auferstehungshoffnung zusammen. Dieses Wort ist ein starker Appell an alle österlichen Menschen: Schaut euch doch um im Alltag, in eurer Umgebung. Da gibt es immer zumindest einen Menschen, der darauf wartet, dass ihr ihm eure Hand entgegen streckt. Da gibt es gewiss zumindest einen Menschen, der darauf wartet, gerettet zu werden.

 

Jesus hat allen ein Beispiel gegeben. Er hat ein herrliches Exempel statuiert, damit wir leben und Leben ermöglichen: Er starb, wie er lebte, und lebt, wie er starb – mit ausgebreiteten Armen!