Karfreitag 2010 in Bad Aussee (19 Uhr, 2. April)
Der Weg zum Leben führt durch den Tod!
Seit vier Jahren gestaltet der renommierte Medienkünstler Prof. Richard Kriesche die Titelseite der Kleinen Zeitung am Karfreitag. Auch heute ist das wieder der Fall. Ein Großteil der Titelseite ist in schwarz gehüllt, der Rest ist weiß. Dazwischen liegt ein dünner Streifen in grau. In diesem Übergangsbereich zwischen schwarz und weiß steht ein Zitat aus dem Buch der Psalmen, ein Wort, das Jesus sterbend gebetet hat: MEIN GOTT, MEIN GOTT, WARUM HAST DU MICH VERLASSEN
Dieses Wort beschreibt eine existentielle Erfahrung des Menschen, es beschreibt auch die konkrete Erfahrung vieler Christen heute: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Prof. Kriesche ist fasziniert, wie dieses Wort aus den Psalmen, wie diese Geschichte vom Leiden und Sterben Jesu seit zwei Jahrtausenden wirkt. Es kommt ihm auf diese dünne Linie zwischen Tod und Leben an, auf diesen Graubereich, auf diese für ihn „verrückte Botschaft“, dass der Weg zum Leben durch den Tod führt.
Das aber macht den Karfreitag aus! Das macht die christliche Hoffnung aus – dass der Weg zum Leben durch den Tod führt, dass es Ostern nicht ohne den Karfreitag gibt, dass es das Licht nicht ohne seinen dunklen Schatten gibt.
Der Weg zum Leben führt durch den Tod! Wir sind noch auf dem Weg, wir sind noch auf diesem Weg der Hoffnung unterwegs, der Hoffnung auf Leben, auf neues, ewiges Leben. Wir sind noch im Karfreitag – gerade wenn wir uns die aktuelle Situation unserer Kirche in unserem Land vor Augen halten. Andere mögen schon weiter sein, im österlichen Licht. Die katholische Kirche in unserem Land ist das offensichtlich nicht. Aber auch für uns gilt diese Botschaft von der dünnen Linie zwischen Tod und Leben. Wir vertrauen darauf, dass es ein Weg zum Leben wird, ein Weg freilich, der uns durch den Tod und so manche Tode führt…
Schauen wir darum noch näher hin auf das Kreuz und den Gekreuzigten:
So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen Sohn gesandt hat. So sehr hat uns Christus geliebt, dass er diesen Tod der Hingabe gestorben ist, damit wir das Leben haben, damit wir eine Hoffnung haben über den Tod hinaus, damit wir auch dort noch einen Weg erkennen, wo viel zu viele meinen, jetzt aber ist alles aus und vorbei.
Dafür ist das Kreuz das Zeichen! Nicht mehr der Hinrichtungsgalgen steht im Vordergrund, sondern der Gekreuzigte selbst. Ihn ehren und verehren wir, wenn wir heute im zweiten Teil des Gottesdienstes zur so genannten Kreuzverehrung schreiten. Vor ihm, dem Gekreuzigten beugen wir das Knie und bekennen: Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Leben, im Kreuz ist Hoffnung. Im Kreuz ist Heil, weil er der Heiland ist. Im Kreuz ist Leben, weil der das Leben und der Lebendige ist. Im Kreuz ist Hoffnung, weil durch seine Liebe und Hingabe der Tod eigentlich schon besiegt ist. Die Liebe ist stark wie der Tod. Wer aber so stark wie der Tod ist, der ist schon stärker. Das ist unsere Hoffnung!
Im Radio habe ich einmal eine kleine Geschichte von zwei Walen gehört, die Geschichte einer Rettung:
Zwei kleine Wale sind gestrandet. Es hat verzweifelte Versuche gegeben, die Zwergwale zu retten. Als es schon fast keine Hoffnung mehr gab, ist plötzlich ein Delphin aufgetaucht. Er hat die beiden Wale 200 m entlang der Küste gelotst, dann ist ein kleiner Durchlass gewesen hinaus ins offene Meer – und so wurden die Zwergwale doch noch gerettet. Offensichtlich hat der Delphin die verzweifelten Hilferufe der Wale gehört…
Für mich ist diese Geschichte der Rettung durchsichtig auf Gott hin: Er hat die Hilferufe der Menschheit gehört, er ist zu uns gekommen, in unser Milieu. Er ist einer von uns geworden, solidarisch mit uns bis zum Letzten, bis zum bitteren Leiden und zum Tod am Kreuz! Wenn es irgendwo eng wird, dann künden ja viele ihre Solidarität auf… Dann ist ihnen das Hemd näher als der Rock. SOS: Rette sich wer kann…
Jesus aber ist sich und uns treu geblieben bis in den Tod – und so hat er durch sein Sterben einen Zugang ermöglicht, einen schier unmöglichen Zugang zum Leben: Wir stehen einmal mehr vor der existenziellen Erfahrung, dass der Weg zum Leben durch den Tod führt.
So wie in der Geschichte der Delphin die beiden Wale wieder hinausge-bracht hat ins offene Meer, so hat uns Christus hinausgebracht aus der Enge dieses Lebens, in die Weite und Fülle des ewigen Lebens! Nicht von ungefähr wird Jesus Christus in der kirchlichen Tradition oft der Fisch genannt. Die Fisch-Symbolik spielt immer wieder eine Rolle. Denken wir an die heurige Erstkommunion-Vorbereitung. Sie steht unter der Überschrift „im Zeichen des Fisches“. Oder erinnern wir uns an frühchristliche Darstellungen der Brote und der Fische. Ganz besonders denken wir da natürlich daran, dass der Fisch sogar zu einer Art Geheimzeichen der verfolgten Christen geworden ist: das griechische Wort ICHTHYS heißt übersetzt einfach „Fisch“. Ichthys wurde aber Glaubensbekenntnis, zu einer Kurzfassung des ganzen christlichen Glaubens: Es steht für Iesous Christos Theou Hyios Soter, d. h. Jesus Christus, Sohn Gottes, Erlöser der Welt. Damit ist das Entscheidende und Unterscheidende unseres christlichen Glaubens gesagt. Ihm, unserem rettenden Fisch, ihm, unserem Retter und Heiland, ihm, dem Gekreuzigten und Auferstandenen sei Dank, Ehre und Lobpreis, jetzt in alle Ewigkeit. Amen.