Ansprache bei der Segnung der Osterspeisen („Fleischweihe“) 2010

 

Für die heurige Fleischweihe, die bei uns in der Steiermark oft das

„achte Sakrament“ genannt wird, habe ich zwei Kurz-Botschaften. Sie sind selbstverständlich vor dem Hintergrund der aktuell alles andere als erfreulichen Situation der katholischen Kirche in unserem Land formuliert.

 

Die erste Kurzbotschaft lautet: AUF CHRISTUS SCHAUEN!

Das ist nötiger denn je – für jede und jeden von uns, für uns als Pfarrgemeinde und für uns als Diözesan- und Weltkirche. Auf Christus schauen ist notwendig, d. h. Not wendend.

Auf Christus schauen – das ist bekanntlich das Motto in unserer Diözese für das Jahr 2010. „50 Christusbilder“ lautet der Titel der aktuellen Ausstellung in unserem neu gestalteten Diözesanmuseum im Grazer Priesterseminar. Eines von diesen 50 ist aus Aussee: Das Bild unserer „schönen Madonna“ aus dem Jahr 1420, Maria mit dem Christkind, Maria mit dem Kind! Zu ihr und zu ihrem Sohn pilgern die Menschen des Ausseerlandes seit fast 600 Jahren in guten und schlechten Zeiten.

Auf Christus schauen – genau unter diesem Titel ist soeben die neue steirische KirchenInfo erschienen. Wir teilen sie heute bei der Fleischweihe aus. Sie enthält die zentralen christlichen Gebete, Gedanken zu den 10 Geboten und eine Vielzahl von kirchlichen Angeboten und Veranstaltungs-tipps, wie z. B. der Langen Nacht der Kirchen, bei der wir in Bad Aussee auch wieder mitmachen. Auf Christus schauen, dazu lädt die neue steirische KirchenInfo u. a. mit folgendem Text über den „anderen“ Jesus ein:

Jesus, du bist anders.

Du stellst sich zur Ehebrecherin,

als sich alle von ihr distanzieren.

Du kehrst beim Zöllner ein,

als sich alle über ihn empören.

Du rufst die Kinder zu dir,

als alle sie wegschicken wollen.

Du berührst den Aussätzigen,

als sich ihm alle entziehen.

Du entziehst dich der Menge,

als man dich zum König machen will.

Du nennst Judas „Freund“,

als er dich deinen Feinden ausliefert.

Du vergibst dem Petrus,

als er sich wegen seiner Feigheit selbst verdammt.

Du versprichst dem Mitgekreuzigten das Reich Gottes,

als ihm alle die Hölle wünschen.

Du nimmst Schuld auf dich,

als andere ihre Hände in Unschuld waschen.

Du stirbst am Kreuz,

als alle Ostern feiern.

Du erstehst vom Tod,

als alle meinen, nun sei es zu Ende.

Jesus, ich danke dir, dass du anders bist.

Auf Christus schauen, das ist das Erste und wohl das Wichtigste.

 

Eine zweite Kurzbotschaft ist die vom heutigen Tag, vom Karsamstag. Mit dem Apostel Paulus gesprochen, dem Pfarrpatron von Bad Aussee, ist es die Botschaft vom SCHON UND NOCH NICHT!

Karsamstag, d. h. ja: Wir haben den Karfreitag schon hinter uns, aber es ist noch nicht Ostern. Mit Prof. Richard Kriesche gesprochen, der gestern wieder die Titelseite der Kleinen Zeitung gemacht hat: Wir sind auf dieser dünnen Linie zwischen Tod und Leben. Wir sind in diesem Graubereich zwischen schwarz und weiß, zwischen Dunkel und Licht. Wir ahnen es heute schon etwas deutlicher als gestern noch am Karfreitag: Wir sind tatsächlich auf dem Weg vom Tod zum Leben, vom Karfreitag zum Ostermorgen. Aber es ist nun einmal so, dass der Weg zum Leben durch den Tod führt. Prof. Kriesche nennt das eine „verrrückte Botschaft“. Zugleich ist es aber eine ganz existentielle Erfahrung: Leben gibt es nicht ohne Tod, Ostern nicht ohne Karfreitag, das Licht gibt es nicht ohne seine dunklen Schatten. Diese existentielle Situation des Karsamstag hat der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer sehr schön angesprochen, wenn er wörtlich folgendes sagt:

„Der auferstandene Christus trägt die neue Menschheit in sich,

das letzte herrliche Ja Gottes zum neuen Menschen.

Zwar lebt die Menschheit noch im Alten,

aber sie ist schon über das Alte hinaus.

Zwar lebt sie noch in einer Welt des Todes,

aber sie ist schon über den Tod hinaus.

Zwar lebt sie noch in einer Welt der Sünde,

aber sie ist schon über die Sünde hinaus.

Die Nacht ist noch nicht vorüber,

aber es tagt schon.“

Die Nacht ist noch nicht vorüber, aber es tagt schon: Natürlich gibt es noch die Nacht, es gibt noch das Alte, den Tod und die Sünde. Aber, Gott sei Dank, es gibt auch schon das Licht der Auferstehung, es gibt schon Aufbrüche und neues Leben, es gibt schon Vergebung und Versöhnung.

Der Karsamstag ist unser Tag! Er ist auch der Tag für die aktuelle Situation unserer Kirche in unserem Land. Schon und noch nicht, beides prägt uns. Einmal mehr sind wir an diesem Karsamstag 2010 „Dennoch-Glaubende“ und „Trotzdem-Hoffende“! Amen.