10. Strassengler Gespräche am 23. 10. 2010:

Drei Statements von Pfr. Mag. Edmund Muhrer

 

1. Wie wurde ich Priester/Pfarrer?

 

Drei Vorbemerkungen dazu: a) Es ist ein Weg gewesen, ein verschieden langer Weg hin zur Priesterweihe bzw. zum Pfarrer; ich war immerhin schon 17 Jahre lang Priester - als Kaplan, Subregens und Hochschulseelsorger - ehe ich 2004 Pfarrer in den drei Ausseerland-Pfarrgemeinden wurde.

b) Es handelt sich um einen äußeren und um einen inneren Weg: der äußere Weg ist sozusagen abgeschlossen mit der Priesterweihe bzw. der Amtseinführung als Pfarrer; der innere Weg dauert, dieser geistig-geistliche Weg ist nie abgeschlossen; ein weiser Mann hat einmal zu seinem 90. Geburtstag gesagt: „Immer noch werde ich!“ Das gilt in besonders pointierter Weise für mein Verständnis vom Priester- bzw. Pfarrersein: Immer noch werde ich! Gott sei Dank bin ich nicht fertig, bin ich alles andere als perfekt!

Der Jesuit P. Joseph Venetz hat ein Büchlein über die Ehe geschrieben, das im Titel genau dieses Verständnis widerspiegelt: „Ehe ist nicht, Ehe wird“.

c) In unserer röm. kath. Kirche gibt es bekanntlich zwei Arten des Priestertums – das allgemeine/gemeinsame Priestertum aller Getauften und das spezielle Priestertum des Dienstes (am allgemeinen Priestertum). Seit gut zwei Jahrzehnten hab ich mir für das Miteinander von Priester und Laien in der Kirche so etwas wie eine „Gewissensfrage“ zu Recht gelegt. Sie lautet für uns Priester: „Würde man dich wegen deines Einsatzes für das gemeinsame Priestertum aller Getauften anklagen – hätte man genügend Beweise gegen dich?“ Und für die Laien lautet diese Frage: „Würde man dich wegen deines Einsatzes für das Amtspriestertum anklagen – hätte man genügend Beweise gegen dich?“ Das positive Zueinander und das gute Miteinander dieser zwei Arten des Priestertums halte ich für etwas ganz Wichtiges in der röm. kath. Kirche.

 

Mit diesen drei Vorbemerkungen darf ich mich nun v. a. auf meinen äußeren Weg zum Priester bzw. Pfarrer konzentrieren:

Ich bin 1961 als achtes von zehn Kindern auf einem Bergbauernhof in Rinegg 36, Bezirk Murau, geboren worden. 1965 folgte die Übersiedelung nach Gratkorn bei Graz. Ich bin Absolvent des Bischöflichen Seminars/Gymnasiums und hab nach der Matura (1980) in Graz und Tübingen Theologie studiert. Das Pastoralpraktikum habe ich in der Grazer Dompfarre absolviert. 1986 war die Weihe zum Diakon, 1987 zum Priester. Drei Jahre war ich Kaplan im Pfarrverband Mürzzuschlag (zuletzt mit fünf Pfarren!), dann sieben Jahre Subregens im Priesterseminar und sieben Jahre Hochschulseelorger in Graz. Nun bin ich im siebten Jahr Ausseerlandpfarrer mit den drei Pfarrgemeinden in Altaussee, Bad Aussee und Grundlsee.

 

Durch diese äußeren Wegstationen klingt schon an, was für mich, für mein Priester-/Pfarrerwerden wichtig gewesen ist und noch heute wichtig ist:

 

+ die Familie und ihre starke kirchliche Prägung in der Zeit meiner Kindheit: mein zweitältester Bruder (Dr. Siegfried Muhrer) wollte auch schon Priester werden; nachdem der Zölibat aber nicht – wie den Maturanten damals im Knabenseminar versprochen wurde – gefallen ist, hat er sich nach drei Studienjahren in Rom entschlossen, als Laie in der Kirche zu wirken (Bereich: Medien); 1987 wurde er zum ständigen Diakon geweiht;

+ das „Knabenseminar“: hier habe ich mich vom ersten Tag an wohl gefühlt, von anderen meiner Klasse wiederum wurde diese Zeit ganz anders erlebt;

+ Taizé, das Haus der Stille mit seinen „Tagen der Begegnung“, die Lazaristen mit ihren Informationstagen, die Feier der Karwoche im Stift St. Lambrecht;

+ die Hausgemeinschaft im Priesterseminar mit ihrem Leitungskollegium und den damals über 80 Seminaristen (heute sind es kaum 30); die vier Säulen der Priesterausbildung: geistliches Leben, theologische Bildung/Studium, menschliche Reife und pastorale Befähigung (mit Schulpraktikum, Pastoralpraktikum und weiteren Praktikumseinsätzen im Bereich Arbeitswelt, Soziales und Kinder- bzw. Jugendseelsorge);

+ einzelne Priester und Professoren: P. August Janisch, Pfr. Wolfgang Fank, P. Karl Maderner, UProf. Claus Schedl, UProf. Karl M. Woschitz, UProf. Johann B. Bauer, UProf. Bernd Körner, UProf. Peter Hünermann und der spätere Kurienkardinal Walter Kasper.

Ich meine, dass wir einen ordentlichen und gut gefüllten „Rucksack“ mit auf den Weg und für unser Unterwegsbleiben als Priester bekommen haben. Das Überprüfen, Nachbestücken und Aufrüsten des Rucksackes im Lauf der Jahre ist dann schon v. a. eine Sache der Eigenverantwortlichkeit.

 

Für den Weg zum Pfarrersein gibt es inzwischen nicht mehr die früher klassische „Pfarrbefähigungs-Prüfung“ sondern eine fünfjährige Berufsbegleitung in den ersten fünf Jahren als Kaplan bzw. Seelsorger. So erwirbt man sich heute die sog. Pfarrbefähigung. Manche machen das - aus verschiedenen Gründen - nicht und bleiben dann halt offiziell Provisor, Kaplan, Administrator, Aushilfs-(Seelsorger). Die Leute sagen trotzdem Pfarrer zu ihnen.

Ein gutes Prinzip in der Priesterausbildung lautete früher: Wen du dir nicht als Pfarrer/Ehemann vorstellen kannst, den sollst du auch nicht zum Priester weihen.

 

Meine Entscheidung zum Amtspriestertum ist eine Wahl gewesen, eine begründete Wahl und eine echte Vor-Liebe für diesen priesterlichen Dienst. Dazu gibt es in der Studienzeit/im Priesterseminar jährliche mehrfach eine Gelegenheit zum einem „Check“ bzw. Test – bei den einwöchigen Exerzitien bzw. bei den vier Einkehrtagen. Hier war für mich der hl. Ignatius mit seiner Frage im Exerzitienbüchlein entscheidend: Wohin zieht dich dein Herz? Wo empfindest du die größere Freude? Ich hab dabei immer einen deutlichen Überhang in Richtung Priestertum bemerkt gegenüber dem alternativen Weg in einer Ehe, den ich auch in Erwägung gezogen habe.

 

Für meine Entscheidung zum Priestertum war eine Erkenntnis besonders wichtig: dass ich von Gott bejaht bin, dass ich ein dreifaches Ja-Wort Gottes zu mir entdeckt habe. Gott hat ja zu mir gesagt als Menschen (Zeugung/Geburt). Er hat mich bejaht als Christ (Taufe/Firmung). Er will, dass ich seinem Sohn Jesus Christus als Priester in diesem Amt und mit seiner konkreten Lebensform nachfolge. Mein Leben als Priester/Pfarrer verstehe ich seither als Antwort-Versuch auf diese dreifache Bejahung: dass auch ich mich annehme als Mensch- mit allem, was dazu gehört, und dass ich mich genauso annehme und bejahe als Christ und als Priester in der Kirche.

 

2. Wie lebe ich meinen Alltag?

 

Meine erste Assoziation dazu ist der Trinkspruch unseres damaligen Subregens Prof. Dr. Hans Trummer: „Du sollst leben!“, bzw. jener der Vorarlberger Studierenden: „Lebe!“

Ich bin froh, dass ich nicht den Eindruck habe, ich könnte als Priester/Pfarrer nicht (auch) leben, sondern ich müsste vor allem „funktionieren“, bzw. „ich werde gelebt“. Das gibt es natürlich auch und das hilft z. T. sogar, Dinge zu erledigen. Aber es überwiegt bei weitem die Freude an meiner Berufswahl und die Dankbarkeit für diesen sinnvollen/herausfordernden Dienst.

 

Freilich: es ist tatsächlich viel vorgegeben in einem Pfarrverband mit 8.000 Einwohnern, 4.000 Zwoahoamischen und nicht wenigen Gästen (Urlaubern, Patienten in der PVA, im LKH und in der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie). Einige Priesterkollegen sind wegen zu vieler Vorgaben ganz aus dem Priesterberuf ausgestiegen, manche haben sich von der unmittelbaren Pfarrseelsorge zurückgezogen und leisten aber weiterhin wichtige priesterliche Dienste.

 

Gott sei Dank, dass ich noch nie allein im Dienst gewesen bin. Immer hat es ein Team gegeben – besonders stark natürlich im Priesterseminar (Leitungskolle-gium) und in der kathol. Hochschulgemeinde.

Aktuell lebe ich mit einem Kaplan aus unserer Partnerdiözese Masan/Südkorea gemeinsam in einem sehr schönen Pfarrhof in Bad Aussee. Ich habe eine voll angestellte Haushälterin, die den Pfarrhof und den Garten in Schuss hält, die Wäsche macht und das Mittagessen kocht. Das Leben im Pfarrhof samt Haushälterin ist in Aussee sehr teuer. So ein schöner Pfarrhof ist Gabe und Aufgabe zugleich, Segen aber schon auch Belastung. Ersparen kann ich mir zurzeit praktisch nichts, ich komm gerade über die Runden.

In unserer Seelsorgeeinheit „Ausseerland“ gibt es einen schwerkranken pensionierten Diakon und einen Diakon, der zugleich Pastoralassistent und daher eine ganz besonders große Hilfe in der Seelsorge ist. Die 24 Stunden Pfarrkanzlei werden von zwei Sekretärinnen geleistet. Dazu kommt noch ein voll angestellter Totengräber in Bad Aussee, eine Kindergärtnerin und eine Betreuerin im Pfarrkindergarten Grundlsee, sowie mehrere geringfügige Beschäftigungen (Mesnerin/Organisten, Totengräber). Zwischendurch habe ich die schöne Aufgabe gehabt eine Pastoralpraktikantin für ein Jahr und einen Praktikanten für zwei Jahre zu begleiten.

 

Die Woche hat sechs Arbeitstage und im Durchschnitt zwischen 40 und 80 Stunden Arbeitszeit – eine große Bandbreite. Am Mittwoch haben ich, der Kaplan und die Haushälterin frei, d. h. mittwochs gibt es keine hl. Messe und auch keine Begräbnisse – Ausnahmen bestätigen die Regel…

Ein gewöhnlicher Arbeitstag beginnt für mich erst gegen sieben Uhr in der Früh und endet genau um Mitternacht. Um 7.30 Uhr bete ich mit dem Kaplan die Laudes und dann gibt es das Frühstück, das wir zuvor selbst herrichten. Die Haushälterin kommt zwischen 9.00 und 10.00 Uhr in den Pfarrhof. Sie ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

Die Pfarrkanzlei ist offiziell von 9.00 bis 12.00 Uhr geöffnet, eigentlich aber von 7.30 Uhr bis 13.00 Uhr. Am Mittwoch ist kein „Parteienverkehr“, damit die Sekretärinnen die nötigen Arbeiten in Ruhe vorbereiten bzw. erledigen können.

Zu den Sonntagsgottesdiensten: Am Vorabend wird in Grundlsee eine hl. Messe gefeiert, in Bad Aussee ein Wortgottesdienst. Sonntags ist um 9.30 und 11.00 eine hl. Messe, oft ist zusätzlich schon um 8.00 Uhr in der Dorfkirche in Gößl eine Frühmesse. Im Sommer feiern wir zusätzlich sieben Bergmessen.

Wir haben in den vergangen Jahren nie unter 100 Begräbnisse gehabt, ca. 80 davon halte ich als Pfarrer. Begräbnisse sind - soweit es nur möglich ist - „Chefsache“. Für die Taufen (ca. 70) haben wir ein „Rad“ eingeführt: Pfarrer-Kaplan-Diakon. Hochzeiten und kirchliche Segnungen gibt es ca. 40 pro Jahr.

 

Nicht die Überlastung ist das Problem, sondern die Überforderung – dass einem die Leute trotz allen Bemühens immer wieder erzählen, wie es früher halt anders war, als es überall einen eigenen Pfarrer gegeben hat bzw. als (in den 60iger Jahren) noch sieben Priester im Ausseerland tätig waren… Eine echte Belastung ist es für mich, dass du als Pfarrer zwar überall und selbstverständlich dabei sein sollst, umgekehrt aber in Aussee ein extrem schlechter Prozentsatz in puncto sonntäglicher Kirchgang zu beobachten ist: Bad Aussee: ca. 4%; Grundlsee und Altaussee: kaum 2%!

 

Schon zum Start als Hochschulseelsorger aber auch als Pfarrer (2004) habe ich davon gesprochen, dass ich für mich und mein Priester- bzw. Pfarrersein drei Akzente setzen möchte: a) Ich möchte Geistlicher sein/bleiben; b) Ich möchte das Miteinander leben und stärken (Team); c) Ich möchte das spielerische Element deutlicher einbringen – eine gewisse „Leichtigkeit des Seins“, auch des Priestersein (vgl. der selige P. Johannes XXIII: „Giovanni, nimm dich nicht zu ernst, du bist ja nur der Papst!“). Ich brauch nicht Erlöser spielen, ich bin nur ein Priester/Pfarrer…

 

Ich verstehe es ziemlich gut, aktive Pausen einzulegen: 1-2 mal in der Woche mache ich ordentlich Bewegung (früher war das Fußball, heute sind es Tennis, Laufen, Dohigehen, Tanzen).

Sehr wichtig und heilig ist mir das Lesen: Ich lese jedes Jahr gut 60 Bücherln und Bücher, 2/3 Literatur/Belletristik und 1/3 Theologisches/Spirituelles bzw. die Bibel.

Bildung hat für mich einen ganz hohen Stellenwert: KBW, Pfarrblatt und der Kontakt zwischen Pfarre und Schule sind mir ein besonderes Anliegen. Ich bin froh, dass es vor Ort eine beispielhaft gut gelebte Ökumene mit dem evangel. Kollegen und „seiner“ Lektorin gibt.

Zum Arbeiten sind die späten Abendstunden am besten. Ich gehe genau um Mitternacht liegen und kann meistens gleich einschlafen. Wenn ich einmal länger unterwegs bin (Kino/Tanz), dann weiß ich – the day after – ein Mittagsschläfchen zu schätzen. Das Handy wird dann genau auf 30 Min. gestellt (vgl. die aktuelle Siesta-WM in Spanien: 20 Min.!). Das gesunde und im Klerus sehr beliebte Mittagsschläfchen wird im kirchlichen Jargon gern „Ölberg-Andacht“ genannt, bzw. „Stunde der Laien“ – da hier ja der Klerus schläft…

Die Feier der Gottesdienste, das Spenden der Sakramente, die positiven Rückmeldungen sind Stütze und beflügeln. Lob tut gut und baut auf (vgl. „segnen“ im biblischen Sinn: loben, Gutes sagen). Oft ist es so, dass schon am Sonntag am Abend nach der Freude der feierlichen Sonntagsgottesdienste die beste Zeit zur Predigtvorbereitung für den kommenden Sonntag ist.

 

Was die sel. Mutter Teresa einmal gesagt hat, das gilt auch für die Priester: „Nötiger als Brot braucht der Mensch die Gewissheit, erwünscht zu sein!“

 

 

3. Wie lebe ich mit Konflikten, Zweifeln, meiner Sexualität, der Vorbildfunktion und mit der kirchlichen Obrigkeit?

 

Ein ganzes Bündel von Fragen – und nur ein paar Minuten Zeit!

 

Ad Konflikte: Ich bin von meinen Maturakollegen zum sog. „Lebensfiscus“ gewählt worden – weil ich für sie immer so etwas wie „der ruhende Pol“ in der Klasse war. Auch beim Kicken war ich derjenige, der geschaut hat, dass alle den Ball bekommen/angespielt werden. Von daher ist es schon ersichtlich, dass ich ein ziemlich großes Harmonie-Bedürfnis habe. Frieden untereinander, ein gutes Miteinander, ein echter Team-Geist – dafür kämpfe ich gerne. D. h. aber auch, dass mir Konflikte nicht liegen, dass sie an mir zehren, dass sie mich nicht zur Tagesordnung übergehen oder ruhig einschlafen lassen. Ich bewundere Leute, die gut reden und fair streiten können, wie Loki und Helmut Schmidt, der lt. Kleiner Zeitung vom 22. 10. 2010 gesagt hat: „Wir konnten immer gut miteinander reden und auch zanken.“

Ich versuche Konflikte zu meiden, hab aber trotzdem aktuell genügend am Hals: die vielen Austritte aus der Kirche, Probleme im Pfarrkindergarten Grundlsee, Scheitern einer Altarraumgestaltung in Altaussee, Anpöbelungen beim Bierzelt in der Strassen/Bad Aussee.

 

Ad Zweifel/Fragen: Die gibt es, die darf es geben und sie sind für mich oft sogar positiv besetzt. Wenn ich an Jesus denke, dann sind seine ersten Worte in zwei der vier Evangelien Fragen – und zuletzt stirbt er betend mit der Warum-Frage am Kreuz.

Der Philosoph Schelling hat das Fragen sehr schön als „Frömmigkeit des Denkens“ bezeichnet. Ich finde die Verpflichtung zu einem vollen Universitätsstudium in Theologie eine gesunde und nötige Hinterfragung/ Prüfung auf dem Weg zum Dienst in der Kirche: Es ist gut, dass jeder Priester – bildlich gesprochen – durch das Fegefeuer des Theologiestudiums hindurch muss. Es geht um das berühmte katholische „UND“: fides et ratio; um den von Paulus eingemahnten „vernünftigen Gottesdienst“ bzw. darum, dass es besser ist, ein verständliches Wort im Gottesdienst zu sagen als 1000 in Zungen, die niemand deuten kann.

Ich sage aber „Gott sei Dank“ für meinen Glauben, für mein Grundvertrauen in Gott und in ganz konkrete Menschen.

Für den Punkt „Zweifel/Fragen“ ist mir ein Impuls von Martin Gutl schon seit langem wichtig. Gutl fragt sich und uns: Was ist das für ein Glaube, wenn ein Mensch nach dem Verlust eines geliebten Menschen wieder Ja zum Leben sagt – Ein erlittener, errungener Glaube! Trotz der Tränen (Zweifel/Fragen) den Glauben wachsen lassen, der beides zulässt: Die Frage „Warum?“ und diese Gewissheit „Mit dir, mein Gott!“

Es hat bisher keine wissenschaftliche Erkenntnis, kein Argument, keine Erfahrung und auch kein Unglück dieses Grundvertrauen erschüttern können, im Gegenteil: Glauben gibt Halt und stützt. Ich denke da an eine Votivtafel im Wallfahrtsort Mariazell. Ein Bauer hat sie der Gotttesmutter gewidmet, dafür, dass er trotz des Verlustes von Haus und Hof, Frau und Kind seinen Glauben nicht verloren hat…

Ad Sexualität: Das ist eine Urkraft im Menschen, etwas, das Kraft gibt und Kraft kostet, weil es nach Gestaltung ruft – in jeder Lebensform. Hier ist für mich das Wort besonders stimmig, dass Sexualität „Gabe und Aufgabe“ zugleich ist.

Unser Langzeit-Regens Gottfried K. Lafer hat immer behauptet, dass von den drei evangelischen Räten der Gehorsam die größte Herausforderung sei. Ich würde da doch eindeutig die Ehelosigkeit um des Reiches Gottes willen nennen. Mir und vielen Priesterkollegen kostet diese Lebensform sehr viel, nicht wenige sind deswegen ausgestiegen, noch viel mehr haben sich - so wie mein zweitältester Bruder - für einen anderen Weg entschieden. In Sachen Sexualität lege ich inzwischen für niemanden mehr – auch für mich nicht – die Hand ins Feuer. Ich hab da einfach schon zu viele Überraschungen erlebt…

Ad Zölibat hat das Zweite Vaticanum eine sehr gescheite Formulierung in Presbyterorum Ordinis 16 gefunden: Der Zölibat ist nicht vom Wesen des Priestertums selbst gefordert, wohl aber angemessen.

Ich erinnere mich an einen öffentlichen Disput mit einem Weihekollegen vor dem Mikro des ORF/Hörfunk in den Tagen vor der Priesterweihe. Da hab ich einem meiner Weihekollegen mit den Worten des Konzils widersprochen, als er davon gesprochen hat, dass der Zölibat zum Wesen des Priestertums gehöre. „Angemessen“ – das kann ich mit meiner Erfahrung von 23 Priesterjahren bestätigen. Diese Lebensform passt besonders gut zu unserem Beruf/Dienst. Sie macht den röm. kath. Priester auch interessant, wenn wir an die Literatur oder ans Kino denken.

Der damals (1980) noch junge aber schon überhaupt nicht aufs Maul gefallene Wiener Pastoraltheologe Paul M. Zulehner hat bei der Einführungswoche für über 100 (!) neue Priesterseminaristen gleich einleitend gesagt: „Ich hoffe, Sie alle haben eine Hobby, sonst werden Sie den Zölibat nie leben können!“

Da ist schon etwas dran – und die Hobbys der Priester sind ja legendär und Legion: Bienenzüchten, Jagen, Fischen, Bergsteigen, Marathonlaufen, Reisen, Fußballspielen, Hobby-Bauer sein…

Ich selbst bin auch heilfroh, dass ich einigermaßen zu genügend Bewegung komme. Das ist legitim und hilft mir in meiner Lebensform. „Gehst du gut, dann geht’s dir gut“ sagt die hl. Hildegard, eine Wissende.

Ich bin froh, dass ich durch die Feier der Gottesdienste immer wieder sehr positive Rückmeldungen bekomme, die mich in meinem Priestersein bestärken. Sie geben Kraft für den mit meiner Lebensform so spürbar verbundenen Verzicht bzw. für manche Zeiten des Leidens, die ich mir schon durch meinen Primizspruch 1987 ins Stammbuch geschrieben habe: „Du aber sei in allem nüchtern, ertrage das Leiden, verkünde das Evangelium, erfülle treu deinen Dienst.“ (2 Tim 4, 5)

Wenn der Zölibat „fallen“ würde – ich bin mir nicht ganz sicher, wie ich mich dann entscheiden würde…

Ad Gehorsam: So möchte ich die zwei abschließenden Fragen nach der Vorbildfunktion bzw. den Umgang mit der kirchlichen Obrigkeit zusammenfassen. Gehorsam heißt für mich „gemeinsames Hören“, Ohrsein für den Willen Gottes, das Wort Gottes und die Zeichen der Zeit. Ich hab bisher noch nie den Eindruck gehabt, dass irgendeine Entscheidung mir gegenüber mit Willkür oder bloßer Machtausübung zu tun gehabt hat. Es hat immer ein Gespräch, Argumente und Bedenkzeiten gegeben. Es hat v. a. Lob/Anerkennung und nur vereinzelt Kritik/Tadel gegeben. Bischof Dr. Egon Kapellari ist in dieser Hinsicht für mich „fordernder“ als es Bischof Johann Weber war – wohl auch deswegen, weil ich als Hochschulseelorger so etwas wie sein „Enkel“ gewesen bin und er einen bekannt hohen Impetus hat, seine Priester zu erziehen.

Früher haben wir bei der steirischen Priesterauswahl – deren Initiator und Kapitän ich seit über 20 Jahren bin, genauso wie ich Mitglieder der 1992 gegründeten österreichischen Priesterauswahl bin – immer gesagt, dass wir „die Weberknechte“ sind, heute sind wir halt die Kapillargefäße. Ich kann damit gut leben, weil die Kapillargefäße bekanntlich für die Blutzufuhr draußen an den Rändern zuständig sind – ein stimmiges Bild für mein Verständnis für den Dienst als Weltpriester.

 

Was ich mir vor Ort/im Dekanat sehr wünsche: Dass es ein besseres Miteinander der Priester („sakramentale Bruderschaft“) gibt, dass wir Priester etwas weniger „eigener Bischof“ und „eigener Papst“ im Pfarrgebiet spielen.

 

Der Knackpunkt ist für mich dabei die humanitas, die menschliche Reife und Größe, bzw. die Bereitschaft über den Tellerrand der eigenen Pfarre(n) hinaus zu schauen. Was ein Freund zum damals neuen Regens von Würzburg (K. Hillenbrand) gesagt hat, trifft die Sache ganz genau: „Ich bete für dich, dass du den jungen Leuten im Priesterseminar helfen kannst, geistliche Menschen und menschliche Geistliche zu werden!“

 

Das hoffe ich für mich und alle meine Priesterkollegen: dass wir geistliche Menschen und menschliche Geistliche sind/bleiben.

 

Edmund Muhrer, Pfarrer