Predigt zum 4. Fastensonntag („Laetare!“) 2010-03-14

„Freue dich, Stadt Jerusalem! Seid fröhlich zusammen mit ihr, alle, die ihr traurig wart. Freut euch und trinkt euch satt an der Quelle göttlicher Tröstung.“ (vgl. Jes 66, 10-11)

Diese Worte des Propheten Jesaja sind das Motto für den heutigen Tag. Freude ist die Überschrift über den Sonntag laetare, den Sonntag der Vorfreude auf das hohe Fest der Ostern. Aber sie will in diesen Tagen in unserer Kirche nicht wirklich aufkommen, die Freude, im Gegenteil! Einmal mehr prägen Scham und Betroffenheit, Wut und Trauer viele Menschen in und außerhalb der Kirche. Ähnlich dem älteren Sohn im heutigen Evangelium fällt es uns sogar schwer, uns mitzufreuen über die Umkehr des verlorenen Sohnes, über die Heimkehr eines sündigen Bruders. Dabei wissen wir doch, dass jeder Mensch ein Abgrund ist, ein Rätsel, eine Frage, die offen bleibt – homo abyssus. Und wir wissen auch um das Wort Jesu: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“

Da unser Pfarrer an diesem Sonntag in der Ehebegleitung auswärts im Einsatz ist, hat er für diesen Sonntag die Predigt zusammengestellt und gebeten, dass sie verlesen wird. Sie beinhaltet aus gegebenem Anlass v. a. das Hirtenwort unseres Diözesanbischofs und die Erklärung der österreichischen Bischofskonferenz zum Umgang mit sexuellem Missbrauch.

Diözesanbischof Dr. Egon Kapellari schreibt an die katholischen Christen unserer Diözese:

Unsere katholische Kirche ist in mehreren Ländern und nun auch in Österreich mit Verletzungen von Kindern und Jugendlichen durch sexuellen Missbrauch seitens kirchlicher Verantwortlicher und besonders Priestern konfrontiert. Auch unsere Diözese ist von diesen Problemen betroffen.

In dieser Situation dürfen wir nicht wegschauen, sondern müssen uns alten und neuen Problemen ehrlich stellen. Unsere Sorge muss dabei vor allem den Opfern und der Verhinderung von weiterem Missbrauch gelten. Nur dann stehen wir wirklich in der Nachfolge Christi. Im Umgang mit Anschuldigungen haben wir als Kirche auch Fehler gemacht, es ist aber in Österreich daraus schon Wichtiges gelernt worden und wir werden weiterhin lernen müssen. Pauschalverdächtigungen und falschen Anschuldigungen gegenüber Priestern werden wir kompetent entgegentreten müssen.

Viel Vertrauen in die Kirche ist geschwächt oder zerstört worden. Dies verdeckt die Tatsache, dass unsere Kirche einen großen Teil der Gesellschaft in hohem Maße trägt und beseelt und dass unzählige katholische Frauen, Männer und Jugendliche und besonders auch viele Priester und Ordensleute treue und glaubwürdige Zeugen Jesu Christi und seines Evangeliums sind.

Die jetzige Krise enthält auch eine Chance zur Erneuerung der Kirche, wenn wir Spaltungen vermeiden können und wirklich miteinander auf Christus schauen, der die Mitte der Kirche ist.

Bauen wir miteinander an einem Klima des Vertrauens und der Wahrhaftigkeit. Ich bitte Sie besonders auch um Ihr Gebet.

Egon Kapellari, Diözesanbischof von Graz-Seckau

Die echte und große Betroffenheit über die Vielzahl von sexuellem Missbrauch zeigt sich wohl noch deutlicher in der Presseerklärung der österreichischen Bischofskonferenz. Zum Abschluss ihrer Frühjahrsversammlung haben unsere Bischöfe am 4. März zum Umgang mit sexuellem Missbrauch wörtlich folgende Erklärung abgegeben:

Ein Wort Jesus ist zum Thema Missbrauch eine klare Vorgabe: „Es ist unvermeidlich, dass Ärgernisse kommen. Aber wehe dem, der sie verschuldet. Es wäre besser für ihn, man würde ihn mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer werfen, als dass er einen von diesen Kleinen zum Bösen verführt. Seht euch vor!“ (Lk 17, 1-2)

Man kann nicht schärfer vor jeder Form von Missbrauch warnen. Jesu drastisches Bild vom Mühlstein will auf die Schwere der Verletzungen hinweisen, die hier „den Kleinen“, d. h. den Wehrlosen zugefügt werden.

Besonders nachhaltig sind die Verletzungen, die sexueller Missbrauch zufügt, vor allem dort, wo ein starkes Vertrauensverhältnis besteht: in der Familie und in der Kirche. Fälle von sexuellem Missbrauch in der Kirche und in der Gesellschaft wurden oft verschwiegen. Für solche Vorkommnisse kann es nur Reue, die Bitte um Vergebung und das Bemühen um Heilung der Wunden geben. Dies gilt in besonderem Maß für die Kirche, an die zu Recht hohe ethische Ansprüche gestellt werden…

Leider wurden in der Vergangenheit zu Unrecht in der Kirche die Täter oft mehr geschützt als die Opfer. Mit Scham und Trauer stellen die Bischöfe fest, dass sich erst in den letzten Jahren in der Kirche in Österreich die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass bei Missbrauchsvorwürfen nichts anderes zählt als die Wahrheit, die allein frei macht (vgl. Joh 8, 32). Nur Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit tragen dazu bei, erlittene Wunden zu heilen. Daher laden die Bischöfe alle ein, die Missbrauch erlitten haben, sich an die Ombudsstellen der einzelnen Diözesen zu wenden, wo sie einen geschützten und vertraulichen Rahmen für das Gespräch haben. Ebenso fordern die Bischöfe die Täter auf, ehrlich Rechenschaft zu geben. Nur wo erzählt und gehört und das Geschehene anerkannt wird, können alle in der Wahrheit frei werden…

Die Sorge um die Opfer muss an erster Stelle stehen. Entsprechende Konsequenzen für die Täter sind zu ziehen… - Soweit unsere Bischöfe.

Hoffen und beten wir für Recht und Gerechtigkeit, für mehr Wahrhaftigkeit - aber auch darum, dass das Vertrauen wieder wächst und neu möglich wird, dort, wo es mit Füßen getreten worden ist. Amen.