Predigt beim ökumenischen Gottesdienst am „Tag des Judentums“ 2010
Alles auf dieser Welt hat seine besondere Stunde und Zeit. Und für uns Christen hat auch alles auf dieser Welt seine besondere Botschaft. Im Gegensatz zu anderen Weltanschauungen sind wir überzeugt, dass alles ein Wort Gottes an uns ist, das alles Irdische wichtig ist und nicht bloß Schein/Maya. Etwas ganz Besonderes ist die Zeit, ist jeder neue Tag! So möchte ich heute einladen, dass wir bedenken, was heute für ein Tag ist, dass wir seine Botschaft aufnehmen, dass wir uns etwas sagen lassen von diesem 17. Jänner: Der 17. Jänner steht an der Schwelle zur Weltgebetswoche für die Einheit der Christen, die vom 18. – 25. Jänner dauert. Der 17. Jänner steht im Kalender als Gedenktag des hl. Antonius. Im neuen liturgischen Kalender ist er auch der sog. „Tag des Judentums“.
1.
Seit langer, langer Zeit ist der 17. Jänner also der Gedenktag des hl. Antonius von Ägypten: Antonius ist eine der ganz großen und herausragenden Gestalten der frühen und damit noch ungeteilten Kirche: Freund Gottes, Leuchter und Hirte der Mönche, Geistträger, Stern der Wüste, Vater des Mönchtums, Arzt von Ägypten wurde und wird der hl. Antonius genannt. Der gesuchte Ratgeber und Wegweiser seiner Zeit ist 105 Jahre alt geworden! Zur Unterscheidung vom hl. Antonius von Padua wird er bei uns im Volk „der Sautoni“ genannt. Das hat mit einem großen Thema seines Lebens zu tun, mit dem Thema „Versuchung“: Die Versuchung des hl. Antonius ist sprichwörtlich geworden. In der Kunstgeschichte hat diese Versuchungen wohl am eindrucksvollsten der Künstler Hieronymus Bosch dargestellt. Die Versucher sind als wilde Tiere, als Bestien dargestellt.
Ich möchte den hl. Antonius, den hl. Augustinus und Dietrich Bonhoeffer zum Thema „Versuchung“ zu Wort kommen lassen. Wir sehen dabei, dass es in der christlichen Tradition durchaus einen differenzierten Umgang mit dem Thema „Versuchung“ gibt. Versuchungen sind offenbar nicht nur etwas Schlechtes, das wir fürchten sollten wie der Teufel das Weihwasser. Versuchungen sind nicht nur etwas Gefährliches, weswegen wir im Vater Unser beten „führe uns nicht in Versuchung“! Versuchungen gehören zum Leben einfach dazu. Versuchungen gehören auch zum Glauben dazu. Gerade besonders gläubige Menschen sind oft besonders stark versucht worden. Viele von ihnen möchten im Nachhinein betrachtet diese Zeiten der Versuchung aber auch schon überhaupt nicht missen!
So einer ist der hl. Antonius. Wörtlich sagt er: „Ohne versucht worden zu sein, wird niemand in das Himmelreich eingehen können. Beseitige die Versuchungen – und niemand wird gerettet.“
Beim hl. Augustinus findet man Folgendes zu diesem Thema: „Was weiß der schon vom Leben, der nicht versucht worden ist? … Versucht worden sind Hiob, Abraham, Josef… Wo es keine Versuchung mehr gibt, da gibt es auch kein Gebet mehr…
Die Versuchung ist ein Feuer, in dem das Gold heller glänzt, das Stroh aber verzehrt wird…
Die Versuchung ist ein Seesturm – der eine arbeitet sich aus den Wellen, der andere versinkt darin…
Und es ist eine große Selbsttäuschung zu meinen, die Versuchungen würden jemals aufhören…“
Starke Bilder, die Augustinus da verwendet: Die Versuchung ist wie ein Feuer, sie ist wie ein Seesturm. Versuchungen wird es immer geben, sie hören in keinem Alter auf – auch wenn man noch so fromm ist.
Der evangelische Theologe D. Bonhoeffer schließlich hat das Thema „Versuchung“ in der Bibel wissenschaftlich beackert. Er zieht folgendes Resümee:
„Die Heilige Schrift …berichtet genau genommen überhaupt nur zwei Versuchungsgeschichten, die Versuchung der ersten Menschen und die Versuchung Jesu Christi, d. h. die Versuchung, die zum Fall des Menschen führt und die Versuchung, die zum Fall des Satans führt.
Alles, was sich sonst an Versuchungen im menschlichen Leben zugetragen hat, steht offenbar im Zeichen dieser beiden Versuchungsgeschichten;
Entweder werden wir versucht in Adam oder wir werden versucht in Christus; entweder der Adam in uns wird versucht, dann kommen wir zu Fall – oder der Christus in uns wird versucht, dann muss Satan fallen…“
Großartig, diese Engführung auf Adam und Christus! Großartig, wie es Bonhoeffer auf den Punkt bringt: Wir selbst haben es in der Hand. Wir selbst haben uns zu entscheiden – wollen wir dem Adam in uns folgen oder wollen wir dem Christus in uns folgen? Wollen wir dem alten Menschen der Sünde folgen oder dem neuen Menschen der Taufe, dem Sein-in-Christus? Wollen wir also „auf Christus schauen“ oder schielen wir doch lieber auf andere und anderes? – Es ist gut, dass es Versuchungen gibt. Es ist gut, dass wir uns entscheiden können!
2.
Seit einigen Jahren ist der 17. Jänner der sog. „Tag des Judentums“: Im Direktorium unserer Diözese steht dazu Folgendes: „Heute ist der Tag des Judentums zum bußfertigen Gedenken an die jahrhundertelange Geschichte der Vorurteile und Feindseligkeiten zwischen Christen und Juden und zur Entwicklung und Vertiefung des religiösen christlich-jüdischen Gesprächs.“
Dem kann man also eindeutig zwei Anliegen entnehmen: einerseits ist der Tag des Judentums ein Buß- und Gedenktag für alle Gräuel, die es zwischen Christen und Juden immer wieder gegeben hat; andererseits ist der Tag des Judentums eine Chance für ein neues Miteinander in Zukunft, dass das Gespräch wieder aufgenommen, entwickelt und vertieft wird.
Zum ersten Anliegen möchte ich Papst Johannes XXIII. zitieren – und zwar sein Bußgebet, das er kurz vor seinem Tod geschrieben hat. Der österreichische Katholik Friedrich Heer hat dieses Reuegebet an den Anfang seines Buches über das Judentum gestellt. Dieses Buch trägt den schönen Titel „Gottes erste Liebe. Die Juden im Spannungsfeld der Geschichte“. Es ist 1967 erschienen. Der inzwischen heilig gesprochene Konzilspapst Johannes XXIII. hat - einem Testament ähnlich - knapp vor seinem Tod folgendes Bußgebet verfasst:
„Wir erkennen nun, dass viele, viele Jahrhunderte der Blindheit unsere Augen bedeckt haben, so dass wir die Schönheit Deines auserwählten Volkes nicht mehr sehen und in seinem Gesicht nicht mehr die Züge unseres erstgeborenen Bruders wieder kennen. Wir erkennen, dass das Kainszeichen auf unserer Stirn steht. Jahrhundertelang hat Abel darniedergelegen in Blut und Tränen, weil wir Deine Liebe vergaßen. Vergib die Verfluchung, die wir zu Unrecht aussprachen über den Namen der Juden. Vergib uns, dass wir Dich in ihrem Fluche zum zweiten Male kreuzigten. Denn wir wussten nicht, was wir taten…“ Wir könnten hier auch an die berühmten Vergebungsbitten von P. Johannes-Paul II. im Jahr 2000 denken – eine der Bitten war an das Judentum gerichtet und hat an das unsägliche Leid von Juden erinnert, dass oft und zu einem erheblichen Teil von Christen ausgegangen ist…
Der Blick zurück in die Geschichte sollte uns also demütig machen – und reumütig! Der Blick in die Geschichte kann uns aber auch für ein neues Miteinander jetzt und in Zukunft Kraft geben! Denn Gott sei Dank sind in der Kirchengeschichte unsere gemeinsamen Wurzeln mit dem Judentum nie ganz vergessen worden.
So rufe ich - aus der Bibel selbst - einmal mehr Paulus als Zeugen auf, der in Röm 9-11 wohl am intensivsten über die Beziehung zwischen Juden und Christen reflektiert hat, über die Beziehung zwischen Synagoge und Kirche. Paulus hat das großartige Bild vom Baum verwendet und von der Wurzel, die dafür sorgt, dass der Baum lebendig bleibt: „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich!“ schreibt er der Kirche ein für alle Mal ins Stammbuch (Röm 11, 18b). Nicht du, Kirche, trägst die Synagoge, sondern die Synagoge trägt dich! Nicht du, Christenheit, trägst das Judentum, sondern umgekehrt – das Judentum trägt dich!
Im oft so geschmähten Mittelalter, wenn wir an die großen Kathedralen wie Chartres etc. denken, dann ist da die Verbundenheit in den Steinfiguren gleich mehrfach zu finden: wenn bei den Eingängen etwa die Ecclesia und die Synagoge zu finden sind, beide als Frauen dargestellt; oder wir entdecken die vier Evangelisten es Neuen Bundes, wie sie huckepack auf den Schultern der vier großen Propheten des Alten Bundes sitzen; und dann sehen wir die 12 Apostel, wie sie auf den Schultern der 12 Stammväter Israels stehen. Da müssten doch alle spüren: Wir stehen auf den Schultern von Riesen! Die Kirche steht auf den Schultern der Synagoge! Der christliche Glauben kann ohne seine jüdischen Wurzeln nicht verstanden werden.
Genau das war auch Thema auf dem 2. Vatikanischen Konzil, das das ganz fein in seiner Erklärung „Nostra aetate“ herausgearbeitet hat: „Deshalb kann die Kirche nicht vergessen, dass sie durch jenes Volk…die Offenbarung des Alten Testamentes empfing und genährt wird von der Wurzel des guten Ölbaums“(NA 4).
Sehr schön ist hier also die bleibende Bedeutung angesprochen. Nicht nur in der Vergangenheit, auch jetzt und auch in Zukunft leben wir als Christen durch diese uralte hl. Wurzel. Wir schwächen uns, wir werden saft- und kraftlos, wenn wir unsere Wurzeln verleugnen, wenn wir uns von unserer jüdischen Herkunft abzunabeln versuchen. Herkunft ist immer auch Zukunft. Tief ist der Brunnen der Geschichte – er ist oft dunkel und mit Schuld beladen, ja klar. Er ist aber auch vom Licht erfüllt und schenkt uns das Wasser des Lebens! „Lernen Sie Geschichte!“ – das geflügelte Wort von Bundeskanzler Bruno Kreisky bleibt weiter gültig. Lernen wir für die christliche Ökumene und für den Dialog der Religionen aus den Jahren der Geschichte! Amen.