13. Sonntag im Jk C am 26. Juni 2010:
In der Predigt möchte ich ganz beim Ev bleiben. Und zwar bei diesem schwierigen Jesuswort: „Lass die Toten ihre Toten begraben. Du aber geh und verkünde das Reich Gottes!“ D. h. also, dass ich heute bei der Predigt mindestens drei Themen streifen muss: das Abschiednehmen genauso wie das Thema Berufung und nicht zuletzt Jesu Rede vom Reich Gottes.
„Lass die Toten ihre Toten begraben!“ – das ist ein ebenso hartes wie gefährliches Wort, ein Wort, das heute noch Menschen schockiert und den Kopf schütteln lässt. Tote zu begraben ist ja in allen Kulturen etwas Heiliges und ganz Wichtiges. Wir brauchen in der Bibel nur an Tobias zu denken, der in der Gefangenschaft, wo es unter Todesstrafe verboten war, Tote zu beerden, der das aber trotzdem getan hat. Oder denken wir an das großartige Beispiel der Antigone in der griechischen Mythologie. Antigone, die Tochter des Königs Ödipus, wagt es trotz strengsten Verbots ihren toten Bruder zu bestatten, der auf Befehl des Onkels den Hunden und den Vögeln zum Fraß unbestattet auf der Erde liegen bleiben soll, bis nichts mehr da ist, das an ihn erinnern könnte. Zur Strafe für ihre mutige Tat wurde Antigone in eine Felsenhöhle eingemauert, wo sie sich erhängt hat. Aber ihr Mut, ihr Einsatz für den Frieden haben sie unsterblich gemacht, wenn wir nur an die vielen Werke denken, die bis heute über diese großartige Frau berichten – von Sophokles im 5. Jh. v. Chr. angefangen über Racine und Scarlatti bis herauf in unsere Zeit zu Anouilh, Brecht und Hochhuth. Oder denken wir daran, dass Jesus an einer anderen Stelle sehr wohl davon spricht, dass Tote zu beerdigen eines der sieben leiblichen Werke der Barmherzigkeit ist. Und denken wir nicht zuletzt daran, dass wir gerade in Österreich eine besonders ausgeprägte Kultur des Abschiednehmens haben. Wir brauchen nur an bei uns sprichwörtliche „schöne Leich“ zu denken.
Umso schwerer ist also dieses Jesuswort gerade für uns zu ertragen: „Lass die Toten ihre Toten begraben!“ – Dieses harte Wort aus dem Mund Jesu ist nur verständlich in einem doppelten Zusammenhang: Erstens müssen wir auch den darauf folgenden nächsten Satz bedenken: „Du aber geh und verkünde das Reich Gottes.“ - Wenn Jesus nämlich vom Reich Gottes redet, dann redet er vom Herzstück seiner Sendung, dann redet er von dem, was ihm am allermeisten am Herzen liegt: Er ist ja gekommen, das Reich Gottes zu verkünden, um Israel am Ende der Tage zu sammeln, um die Menschen wieder zurück zu führen in die Hände Gottes. Wenn es um die Nachfolge und um das Reich Gottes geht, dann ist Jesus oft ganz kurz angebunden, dann agiert er kompromisslos, dann ist er für uns heute von einer erschreckenden Radikalität.
Zweitens gilt es zu bedenken, was das damals wie heute im orthodoxen Judentum für einen Sohn bedeutet, wenn der Vater stirbt: Da ist sowieso einmal für eine ganze Woche alles still- und lahmgelegt, eine Woche lang darf der Sohn nach dem Tod des Vaters kein Bad nehmen, er darf sich nicht rasieren oder die Haare schneiden lassen und ein ganzes Monat ist nicht daran zu denken, dass er der gewöhnlichen Arbeit nachgehen kann. Und dann steht noch ein volles Trauer-Jahr an. D.h. mit seinem Einsatz in der Verkündigung des Reiches Gottes ist erst viel später zu rechnen. Jesus aber verlangt von denen, die er beruft, dass sie sofort, ohne Wenn und Aber nachfolgen, oder eben, dass sie bleiben wo sie sind.
Trotzdem: „Lass die Toten ihre Toten begraben!“ – das kann auch ein wichtiges Wort sein, ein prophetisches Wort, weil es ja tatsächlich darum geht, dass wir nicht stehen bleiben, dass wir uns nicht lähmen lassen, dass wir nach getaner Trauerarbeit wieder in den Alltag zurückkehren – freilich als Veränderte, freilich als vom Abschied Gezeichnete und Geprägte.
Es gibt keinen Aufbruch ohne Loslassen, ohne Zurücklassen und Abschiednehmen von Dingen oder Menschen, die uns liebgeworden sind. Aber als Christen in der Nachfolge Jesu leben, d. h. immer irgendwie „abschiedlich“ zu leben, aufbruchsbereit zu bleiben, sind wir doch Wanderer zwischen zwei Welten, haben wir doch hier keine Bleibe, die bleibt. Eines unserer November-Pfarrblätter haben wir einmal ganz unter dieses Thema gestellt: abschiedlich leben. Der Dichter Peter Handke hat angeregt, dass wir nicht sagen sollten, „die Toten haben das Zeitliche gesegnet“. Wir sollten vielmehr sagen: „Die Toten segnen mir das Zeitliche, wenn ich sie nur lasse“ i. S. von Loslassen. D. h. erst dann, wenn ich die Toten wirklich tot sein lasse, wenn ich sie loslasse, erst dann können sie mir zum Segen werden, erst dann können sie mir das Zeitliche segnen, erst dann können sie für mich mit ihrem Gebet und ihrer Fürsprache eintreten und damit auf eine neue Art und Weise für mich dasein.
Aber nicht nur beim Sterben ist das Thema Abschiednehmen aktuell. Das Abschiednehmen gehört zu fast allen Berufungsgeschichten in der Bibel dazu, die Kultur des Abschiednehmens ist ein Markenzeichen unseres christlichen Glaubens. Der bei uns auch bei der Jugend sehr bekannte und viel gelesene Pierre Stutz hat in der Reihe „spektrum“ des Herderverlages, sog. „Meditationen zum Gelassenwerden“ geschrieben. Ich möchte seine Anregungen zum Abschiednehmen jetzt an den Schluss der Predigt stellen:
„In Zeiten des Abschieds den gemeinsamen Erfahrungen nochmals ihre Bedeutung geben, damit ich sie leichter loslassen kann.
In Zeiten des Abschieds die Türe zu meinen Gefühlen weit öffnen, sie als Einladung verstehen, meinem Leben Tiefgang zu ermöglichen.
In Zeiten des Abschieds angesichts des Todes intensives Leben erfahren, im stillen Mitsein, im Fließenlassen der Tränen, in der zärtlichen Umarmung.
In Zeiten des Abschieds das Grundgeheimnis unseres Lebens mit Leib und Seele verinnerlichen, Tod und Auferstehung, Sterben und Werden.
In Zeiten des Abschieds im Zerbrechen einer Beziehung außer den Gefühlen von Wut mir in Erinnerung rufen, was gut war und bleibt, um mich nicht selber noch mehr zu verletzen.
In Zeiten des Abschieds mitgestalten an der Erneuerung einer Trauerkultur, in der wir wirklich Mensch sein dürfen mit unseren Tränen, mit unserem Schmerz, mit unserer Dankbarkeit, darin wird Christus ohne Unterlass in uns geboren.“ Amen.