18. Sonntag im Jk C 2010/Predigt in
Bad Aussee und Altaussee:
In meiner Predigt bleibe
ich ganz beim heutigen Sonntags-Ev: Drei Assoziationen haben mich in der
Predigtvorbereitung beschäftigt: Zuerst einmal das Thema Reichtum/Geld, dann als
zweites die Bedeutung der Nacht und als drittes schließlich das Thema Tod.
1.) Die anscheinend
unausrottbare Sehnsucht von uns Menschen nach Reichtum/Geld:
Immer wieder finden wir
in unserem Alltag Belege für diese Sehnsucht. Ein Indiz dafür ist z. B. die
Werbung: „Geld macht glücklich, wenn man
rechtzeitig drauf schaut, das man es hat, wenn man es braucht!“ Mit dieser
Botschaft wartet eine Bank auf. Und eine Versicherung behauptet kurz und bündig:
„Ihr Sorgen möchten wir haben!“
Der Volksmund sagt noch
prägnanter: „Ohne Göd ka Musi!“
In der Literatur fällt
wohl fast allen das Dichterwort ein:
„Nach dem Golde drängt, am Golde hängt doch alles, ach, wir Armen!“
Ganz besonders wird die
Sehnsucht nach Geld und Reichtum im Erfolgsmusical Anatevka thematisiert,
in der Gestalt des sympathischen jüdischen Milchmann Tevje. Wie malt er es sich
doch in den herrlichsten Farben aus, dass es wunderbar wär, wenn er einmal reich
wär. Sein ganzes Leben würde sich schlagartig verändern, alles wäre besser,
einfach herrlich! Auch der Glaube bewahrt Tevje nicht vor dieser Sehnsucht nach
Reichtum und Geld! Aber sein Glaube gibt seiner Sehnsucht eine Richtung, die
vielen unserer heutigen Zeitgenossen nicht einmal im Traum in den Sinn kommen
würde. Am Ende seines berühmten Liedes „Wenn ich einmal reich wär“ heißt es
nämlich: „Ich hätte Zeit und könnte
endlich zum Beten oft in die Synagoge gehen. Ein Ehrenplatz dort wäre mein
schönster Lohn. Mit den Gelehrten diskutiert ich die Bibel, solange bis wir sie
verstehn – ach, das wünschte ich mir immer schon…“
Die Sehnsucht nach
Reichtum, Gold und Geld ist also das eine. Aber es gibt genauso das andere, -
unser Wissen, dass keiner etwas mitnehmen kann,
dass das letzte Hemd keine Taschen hat,
dass eigentlich alles nur geliehen
ist. Mit dem weisen Kohelet im Sinn der Lesung gesprochen:
Windhauch ist alles! Vanitas vanitatum!
„Was wirklich zählt auf dieser Welt, das bekommst du nicht für
Geld!“ heißt es in einem bekannten Lied. Vor allem
aber bekommst du nicht um Geld, was für die Ewigkeit zählt, was für dein Heil
wichtig ist, was für den Himmel Bedeutung hat. Die ewige Glückseligkeit kannst
du dir gewiss nicht erkaufen! Luther sei
Dank gegen manche Missbräuche in diese Richtung in der damaligen Kirche.
Aber der Bibel und auch Jesus zum Trotz: Tief und
ausrottbar ist sie im Menschen verankert, - diese Sehnsucht nach Reichtum, Gold
und Geld!
2.) Eine zweite Assoziation zum heutigen
Sonntags-Ev ist die Bedeutung der Nacht:
Die Nacht hat ihre
eigene Qualität, die Stunden der Nacht sind oft eine ganz besondere Zeit, eine
ganz besondere Gnade! Wir brauchen nur an die Weihnacht und die hl. Osternacht
zu denken!
Der Dichter Hölderlin
schreibt: „Es ist Nacht – und alle
Brunnen rauschen tiefer!“ Damit sagt er, dass die Nacht den Menschen
sensibler macht, nachdenklicher, aufmerksamer. Das Hören fällt in der Stille der
Nacht leichter. Es gibt weniger Ablenkungen. Die Nacht ist die Zeit der
Liebenden, der Künstler, der Dichter und Denker. Der Abend und die Nacht sind
daher auch eine besonders begnadete Zeit für Begegnungen und Gespräche von
Mensch zu Mensch. Den in der Bibel Bewanderten fallen hier gewiss sofort ein
paar Stellen ein – wie z. B. das nächtliche Ringen des Jakob mit dem Engel
Gottes am Jabbok, die vielen Träume, die es im AT und im NT gibt, das Gespräch
zwischen Jesus und Nikodemus im Schutz der Nacht, das Letzte Abendmahl, die
Ölbergnacht, das nächtliche Mahl mit dem Auferstandenen in Emmaus usw.
Im heutigen Sonntags-Ev
begegnen wir allerdings in der Person des reichen Mannes einem Menschen,
der niemanden hat, mit dem er reden könnte. So bleibt ihm nur das
Selbstgespräch: Ich werde abreißen…Ich
werde neue Vorratskammern bauen…Ich werde mich ausruhen…Ich werde es mir gut
gehen lassen…Ich, ich, ich – dieser Reiche ist eine frühe Ausgabe der heute
sog. „Ich-AG“. Er ist ein Opfer der Selbstinszenierung, die wir heute in so
manchen Sagern finden, wie z. B.: Wenn
jeder an sich denkt, ist an alle gedacht… Das nöm ich mir… Weil ich es mir wert
bin… So reich dieser Mann im Ev auch ist, eigentlich ist er ein armer
Teufel, so allein, wie er ist. Viele kennen das heute und leiden darunter in
leitenden Positionen. Man wird meist ein Stück einsamer, je höher man die
Karriereleiter hochklettert. Selig ist, wer einen Freundeskreis hat, wer Partner
und Partnerinnen hat, mit denen er/sie sich besprechen kann.
„Es ist Nacht, und alle Brunnen rauschen tiefer!“
Die Nacht ist auch eine besondere Zeit für das Gespräch des Geschöpfes Mensch
mit seinem Schöpfer Gott. Von Jesus heißt es, dass er oft die ganze Nacht im
Gespräch zu Gott verbracht hat, den er liebevoll „Abba“ genannt hat. Beten ist
vor allem hören, beten ist viel mehr schweigen als reden, beten heißt oft
einfach da sein, vor Gott sein. Wer im Gebet andächtiger wird, wird meist
wortkarger, wird immer mehr zum Hörenden.
„Die Frommen reden so laut an der Küste des Schweigens“ klagt einmal
Rektor Josef Fink in einem seiner Werke und fährt dann fort:
„Versteh … lieber schweig ich Dich an!“
In Anlehnung an das
berühmte Wort von Horaz „carpe
diem“ könnten wir sagen, dass es auch darum geht, die Nacht zu nutzen. Mit
der deutlich besseren Übersetzung von Handke gesprochen geht es darum,
die Nacht fruchten zu lassen, genauso
wie gilt, den Tag fruchten zu lassen, jeden neuen Tag.
3.) Meine dritte
Assoziation zum heutigen Sonntags-Ev ist
der Tod, die radikalste Form aller Demokratien:
Wir alle hier sind noch einen Tod schuldig…
Im offiziellen
Stundengebet der Kirche heißt es, dass wir
mitten im Leben mit dem Tod umfangen
sind. Auch in der volkstümlichen Rede vom
Gevatter Tod, vom Tod als ständigen Wegbegleiter und Gefährten klingt das
überdeutlich an. Daher hat es früher ja die
„ars moriendi“ geben, d. h. dass man
sich täglich ins Sterben eingeübt, dass man sich täglich mit seinem Schicksal
angefreundet hat, einmal sterben zu müssen…
Wenn wir nüchtern auf
unser Leben schauen, auf die Menschen, Dinge und Ereignisse um uns, dann werden
wir ohnedies täglich mit dem Tod und seinen Vorboten konfrontiert – durch
Todesfälle, durch Unfälle und Krankheiten, durch die Notwendigkeit Abschied
nehmen zu müssen oder auch einfach nur durchs tägliche Schlafengehen am Abend.
Erst durch die
Tabuisierung und den Transzendenz-Verlust hat der Tod eine Bedeutung bekommen,
die ihm eigentlich gar nicht zustehen. Peter Paul Kaspar schreibt in
seiner Kreuzwegbetrachtung: „Es gibt
solche, die den Sinn ihres Lebens im Leben nach dem Tod suchen. Es gibt solche,
die den Sinn ihres Lebens im Leben vor dem Tod suchen. Ich möchte den Sinn des
Todes im Leben finden.“ Es ginge also heute wohl darum, dass wir das Sterben
und den Tod wieder als einen Teil des Lebens verstehen. Und dass wir die
Hoffnung auf den Himmel, auf die herrliche Ewigkeit wieder zurückgewinnen. Ich
persönlich denke dabei an das Sterben unseres Großonkels, das ich als
Achtjähriger mitbekommen habe. Vier Buben haben mit ihm im selben Zimmer
geschlafen, auch in seiner letzten Nacht, in der er laut und schwer geatmet hat.
Unser Großonkel Hans hat immer zum hl.
Josef um eine gute Sterbestunde gebetet. Es ist ihm tatsächlich vergönnt
gewesen, dass er genau am Josefitag 1969 in den frühen Morgenstunden sterben
konnte…
Wir sind alle noch einen
Tod schuldig. Beten wir immer wieder darum, dass uns unser Leben glückt. Beten
wir aber nicht weniger darum, dass uns einmal auch unser Sterben glückt. Amen.